Nils Clauss: one + one = one?

1. Februar 2010
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Airforce Sergeants, Seoul 2009

Sich gerne in Asien aufzuhalten ist eine Sache, dort zu leben, zu studieren und zu arbeiten, eine andere. Zumindest für einen Deutschen. Nils Clauss lebt seit Ende 2005 in Süd-Korea. Er verkörpert für mich den Fotografen der Zukunft: flexibel zwischen Steh- und Laufbild wechselnd, akademisch gebildet, realisiert tolle freie Projekte wie diese Doppelporträts, und verbindet die europäische Tradition der Bildfindung mit Einflüssen aus dem sich wirtschaftlich am schnellsten entwickelnden Kontinent. Ich fragte ihn, wie es dazu kam:

Was verschlägt mich nach Seoul? Ursprünglich war es meine Leidenschaft für den koreanischen Film.
Ich habe in Bonn, Melbourne und Berlin Kunstgeschichte, Politik und Germanistik studiert und mich zuletzt in meiner Magisterarbeit mit Raum und Architektur in Wong Kar-wai’s “Happy Together” auseinandergesetzt. Während eines Forschungsaufenthalts in Hongkong ist die Entscheidung, mit dem Studienabschluss nach Korea zu ziehen, gereift. Allerdings wollte ich mich in Zukunft weniger theoretisch, sondern primär praktisch mit Film auseinander setzten.
Ich dachte mir auch, dass es am sinnvollsten sei, dort Filme zu machen, wo mir die Kinolandschaft am besten gefällt. Leider ist in den letzten drei Jahren die Filmindustrie hier schwer eingebrochen. Der Markt wurde für große Hollywood-Produktionen geöffnet und seitdem wird nur noch das finanziert, was zu den amerikanischen Blockbustern konkurrenzfähig ist.

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Security Staff, Seoul 2008

Dafür boomt der Independent-Sektor. Die neueste Kameratechnik hat schon vieles revolutioniert. Insbesondere “Redredone_7und auch Canon mit der “Mark 5D II”. Deswegen ist es toll für mich, hier zu lernen und viel auszuprobieren. Bisher habe ich bei mehreren Kurzfilmen Regie geführt und diverse Kurzfilme als Kameramann für hier in Korea ansässige Regisseure gedreht. In der zweiten Hälfte des letzten Jahres habe ich mit dem irischen Regisseur Neil Dowling eine Independent-Produktion mit dem Titel “Sarang hey!” in voller Spielfilmlänge in Berlin und in Seoul gedreht. Mit einer Veröffentlichung ist Mitte 2010 zu rechnen.

Nach einem zweijährigen Koreanisch-Sprachkurs bin ich seit Herbst 2008 an der Graduate School der Chungang University im Studiengang “Cinematography” eingeschrieben. Viele meiner Mitstudenten wundert es ein wenig, dass ich mich nebenbei auch intensiv mit Fotografie beschäftige. Für mich scheint es allerdings in vielerlei Hinsicht logisch, beides miteinander zu verknüpfen.

Die Fotografie trainiert mein Auge und lässt mich neue Dinge entdecken. Filmproduktionen sind in der Regel hektisch und lassen wenig Zeit für kreative Ausschweifungen. Andererseits finde ich es auch entspannend, nach intensiver Gruppenarbeit beim Film, wieder meine eigenen Freiräume in der Fotografie genießen zu können. Schließlich zeigt auch der Kameramarkt, dass sich in Zukunft die Grenzen von Fotografie und Film mehr und mehr vermischen werden.

Fotografie habe ich allerdings nie als Handwerk oder an einer Hochschule gelernt. Schon als Kind habe ich mich für Kameras und das Bildermachen interessiert. Intensiver habe ich mich während meines Auslandsaufenthalts in Melbourne (2000) mit dem Fotografieren auseinandergesetzt. In Hongkong habe ich auch – vielleicht als Ausgleich zur Last mit der Magisterarbeit – viel fotografiert. Aber eigentlich ging es für mich so richtig erst hier in Seoul los.

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Middle-School Students, Changwon 2008

Space Cowboys

Space Cowboys, Seoul 2009

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Police Officers, Seoul 2009

Nils Clauss präsentiert seine Serie der Doppelporträts natürlich nicht ohne einen entsprechenden Text, der hier vom Englischen ins Deutsche übersetzt wurde:

Der amerikanische Bühnenautor und Soziologe Philip Slater hat das Misstrauen im liberalen westlichen Denken gegenüber exzessiver Konformität, wie sie sich in der Verwendung von Uniformen manifestiert, geschickt verklausuliert mit seiner Äußerung, eine Person in einer Uniform sei bloß die Verlängerung des Willens einer anderen Person. Es ist kaum überraschend, dass die Uniform im Westen solch negative Konnotationen angenommen hat, angesichts der wichtigen Rolle im militärischen Bereich, gipfelnd in den Blutbädern der Weltkriege des 20. Jahrhunderts. In Ostasien dagegen, wo aus verschiedensten Gründen die Vorstellung individueller Freiheit nicht mit demselben Nachdruck gefeiert und verfolgt wird wie im Westen, haben die Menschen eine andere Perspektive.
Zunächst Japan und später Südkorea, als direktes Resultat des japanischen Einflusses, haben sich eine Kultur der Uniform zu eigen gemacht. Sie ging ein in ihre stark wettbewerbsorientierten, schnell wachsenden Konsumgesellschaften.
In dieser fotografischen Serie betrachte ich das Verhältnis von persönlicher und kollektiver Identität in Südkorea vermittels Doppelporträts von Menschen, die in der einen oder anderen Weise Uniform tragen. Mich interessiert dabei die soziale Identität, das Individuum in der Gruppe und die Gruppe in der Gesellschaft als ganzer.

Wichtig ist der Kontext. Es sind die gewaltigen Veränderungen zu berücksichtigen, die sich seit der Verwüstung durch den Koreakrieg bis zur Gegenwart vollzogen haben, wobei der Rang Südkoreas auf der internationalen Bühne und als globales ökonomisches Machtzentrum beständig wächst. Bei dieser Wende spielen das individuelle Opfer und das Opfer von Individualität eine beträchtliche Rolle. Nach meiner Ansicht zeigen diese Bilder, dass sich die Koreaner zwar aus Gründen der Notwendigkeit angepasst haben, des Allgemeinwohls wegen und aus einem Pflichtgefühl heraus, das ihnen ihr konfuzianisches Erbe eingibt, welches auf dem Respekt für Autorität und Hierarchie besteht; zugleich haben sie ihre Verwendung von Uniformen weiter getragen, fast in den Bereich der Performance hinein, wie Kostüme in einem Drama, das täglich in den pulsierenden Neon-Städten der Nation aufgeführt wird.

Fotoprojekt: Mein Platz in Kempen

29. Januar 2010

Das Foto Forum Kempen, ein Zusammenschluss von Hobbyfotografen, führte ein tolles und sehr umfangreiches Projekt durch – bis hin zur Ausstellung und Dokumentation als (bisher ungedruckter) Bildband. Bewunderungswürdig an dem Projekt ist, dass es die Forums-Mitglieder geschafft haben, ihre Arbeiten als Individuen zu präsentieren, aber zugleich einen durchgängigen Ansatz zu finden, so dass beim Blättern durch die Porträts der Ausländer in Kempen am Niederrhein die Beiträge nicht auseinanderfallen, sondern das Buch als aus einem Guss erscheint.
Wer zudem die Texte liest, wird feststellen, wie viel Mühe, aber auch wieviel Freude das große Projekt allen Beteiligten gemacht hat: “Spannend war es, nicht immer einfach. … Immer aber wurden wir freundlich empfangen, haben uns Menschen ihre Tür und sehr oft auch ihr Herz geöffnet.” Schöne Bestätigungen aus der Praxis einer Fotogruppe zu dem, was ich in meinem Buch propagiere und hoffentlich eine Motivation für andere. Sehr pfiffig auch die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit des Foto Forum Kempen mit zahlreichen Presseberichten.

Auftragsakquise — Wie Fotografen sich hochtelefonieren

18. Januar 2010

Die größte Unbekannte für junge Fotografen beim Start ins eigene Business ist die Auftragsakquise in Unternehmen. Aus der Schweiz erhielt ich dazu heute folgende Frage:

Ich komme aus der Werbefotografie, habe bereits ausgelernt, und stehe nun in den Startlöchern. Was ich derzeit am schwierigsten finde, ist ein gezielte und ergebnisorientierte Kundenakquise. Es wird oftmals ein Geheimnis daraus gemacht, wer in einem Unternehmen für die Werbung und dort dann für den Kontakt zum Fotografen zuständig ist. Dies bedeutet für mich, dass ich oft nicht die Ansprechpartner in den Unternehmen finde und so die Chance für einen Auftrag schwindet.

Grundsätzlich vorauszuschicken ist, dass vor der Akquise die Vorbereitung steht. Die Frage, in welchem Bereich der Fotografie man sich zuständig fühlt, sollte man sich selbst beantworten können. Diesen Beitrag weiterlesen »

Alec Soth feiert Geburtstag in Las Vegas

14. Januar 2010


Las Vegas Birthday Slideshow from Little Brown Mushroom on Vimeo.

Geburtstage sind so eine Sache, auch für prominente Fotografen. Alec Soth feierte seinen 40. Geburtstag in Las Vegas. Die überwältigende Tristesse des Ortes (und vielleicht auch des Anlasses) verwandelt er nicht in ein Kunstwerk, nein, in mehrere, und kann, weil berühmt, die auch verkaufen. So macht Älterwerden Spaß!
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Das Projekt ist auch hier auf dem Blog von Alec Soth zu bestaunen. Aber bitte vorher das Video ansehen!

Modefotografie ohne Models?

9. Januar 2010

“Die erste Brigitte ohne Models” steht auf der Bauchbinde des aktuellen Heftes der Frauenzeitschrift. Korrekt heißen müsste es natürlich: “ohne Profi-Models”, aber so genau nimmt man das nicht bei dieser gigantischen PR-Aktion für ein Magazin, das wie fast alle Print-Titel mit schwindenden Auflagen und Werbeeinnahmen zu kämpfen hat. Und: Was mit der Dove-Werbung begann, wird mit der Brigitte nicht aufhören: Dünner als in der Modeindustrie gefordert, können Models nicht mehr werden, also setzt eine Gegenbewegung ein – hin zu Frauen mit normalen Figuren. Eine Frage, die sich hier & jetzt unabhängig von PR und Frauenbild stellt, ist: Was sollten Fotografen daraus lernen? Diesen Beitrag weiterlesen »

Kirill Golovchenko: 7 km

2. Januar 2010
Das Feld der Wunder

Das Feld der Wunder

Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt man, und auf Kirill Golovchenko und sein Fotoprojekt “7 km – Feld der Wunder” trifft das ganz gewiss zu. Die Regel ist: Hobbyfotografen lichten Märkte unter südlicher Sonne ab. Die Fotos sind meist distanziert und nichts sagend. Kirill Golovchenko aber fotografiert den größten Markt Europas 7 km von Odessa, seiner Geburtsstadt, entfernt. Und auch nicht nur einmal, sondern über einen längeren Zeitraum und auch nicht einfach so, sondern als Auswuchs unserer Konsumgesellschaft oder anders gesagt: Er sah und fotografierte diesen Marktplatz als Phänomen und hat dazu seine Recherchen angestellt. Und wenn man schon auf dem Feld der Wunder fotografiert, dann passiert es auch: Der Fotograf erhielt den Förderpreis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot-Stiftung. Die Stiftung Kunstfonds und die VG-Bild-Kunst förderten das Erscheinen des Projektes als Buch, zu dem der Fotograf nicht nur die Texte schrieb, sondern auch Gestaltung und Satz selbst besorgte. Das ist nun ausnahmsweise kein Wunder, denn Kommunikationsdesign hat er in Darmstadt studiert. Definitiv bewundernswert sind der Elan und der Ehrgeiz, mit dem Kirill Golovchenko die Arbeit an freien Projekten vorantreibt – derzeit entsteht die Serie “Der ukrainische Durchbruch” – und die guten Texte, die er schreibt, tragen sicherlich ein Stück zu dem Erfolg bei.

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Fotografieren macht glücklich, auch ohne viel Geld

23. Dezember 2009

Wer dieses erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bescheiden ausklingen lässt, liegt durchaus im Trend. Als Selbstständige bekommen es Fotografen frühzeitig zu spüren: Die fetten Jahre sind endgültig vorbei. Auch wer als Hobbyfotograf keine neue Kamera unter dem Weihnachtsbaum liegen hat, sollte sich nicht grämen, sondern sich für das kommende Jahr darauf konzentrieren, interessantere statt technisch aufwändigere Fotos zu machen.
Je weniger frei verfügbare finanzielle Mittel man besitzt, desto mehr muss man sich überlegen, was wirklich Lebensqualität bedeutet. Bei diesen Überlegungen hilft ungemein „Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens: Wie man ohne Geld reich wird“, bereits 2005 erschienen und ein Bestseller. Ich las es kürzlich erst, dafür mit doppeltem Vergnügen: Es ist so informativ wie unterhaltsam, vor allem aber fügt es einigen Gedanken, die ich mir beim Schreiben von „Wie man ein großartiger Fotograf wird“ machte, weiterführende Aspekte hinzu. Was hat der Ex-Chefredakteur von Park Avenue, Ex-Redakteur von Vanity Fair und jetzige (große Güte) Adelsexperte der Bild-Zeitung mit 500jähriger Familienerfahrung im Verarmen mit Fotografie zu tun? Diesen Beitrag weiterlesen »

Geschenke-Tipps

10. Dezember 2009

Wer noch kurzfristig ein Präsent für Frau, Mann oder Freund/in, den fotografierenden Schwager, den netten Chef, den hilfsbereiten Freund der Tochter oder die kleine Schwester besorgen möchte, dem helfen vielleicht diese Hinweise weiter. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bastienne Schmidt: Home Still Life

1. Dezember 2009

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Zwei Fotoarbeiten mit Bäumen der in New York lebenden Bastienne Schmidt: Das eine kontemplativ, durch die altertümliche Kleidung und die Perspektive ein wenig an romantische Gemälde erinnernd, das andere aufwühlend, an die Wurzeln gehend. Hier werden in einer Baumschule Bäume geerntet und mitten darin eine kleine Figur mit gesenktem Blick. Diese Tableaus als Stillleben zu bezeichnen wirkt irritierend, denn Stillleben werden normalerweise im Studio arrangiert. Bastiennes Arbeiten sind hingegen Landschaften und Interieurs, in denen sie selbst figuriert. “Home Still Life” ist daher eher Ausdruck eines Zustandes, wie ihn Fotografinnen mit Kindern oftmals schildern. Sie haben zeitweise das Gefühl, das Leben gerinne zum Stillleben. Diesen Beitrag weiterlesen »

Gleiche Chancen für alle Fotografierenden

24. November 2009

Vorwort zu: “Wie man ein großartiger Fotograf wird – Wegweiser in eine Fotopraxis mit Zukunft”. Das erste Fotofeinkost-Buch erscheint in Kürze und kann hier auf der Webseite bestellt werden.

In der Fotografie dreht sich viel um die Entwicklung neuer Kameramodelle und den Vergleich ihrer Leistungsfähigkeit. In diesem Buch geht es stattdessen um die Entwicklung des Fotografierenden, um fotografische Arbeitsweisen, die dem Kamerabesitzer ungeheure Möglichkeiten eröffnen, aber auch um solche, die in eine Sackgasse führen. Es ist wichtig, sich klarzumachen, was Fotografie heute bedeutet – und nicht weiter überholten Mustern aus dem vergangenen Jahrhundert zu folgen. So stammt zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Amateur und Profi noch aus den Zeiten der Handwerksverordnung. Heute ist als Unterscheidung wichtiger, ob man die Fotografie kommerziell, also als Dienstleister, oder frei, also als Hobbyist oder Künstler, ausübt.

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts veränderte sich die Situation der Fotografie grundlegend – durch digitale Technologien und das Internet. Fotografisches Fachwissen ist heute frei verfügbar und der Bildermarkt durch die weltweite Zugänglichkeit für Jedermann demokratisiert. Da an jedem Ort zu jeder Zeit Menschen fotografieren und diese Fotos online verfügbar machen können, leben wir in einem Zeitalter der Augenzeugenschaft. Die digitale Präsenz von Informationen führt zu einem starken Schrumpfen der klassischen Erwerbsbereiche von Fotografen, die sich im 20. Jahrhundert ausschließlich auf die Print-Medien bezogen: Reportage-, Editorial-, Mode-, Werbefotografie.
War und ist für den Druck das Stehbild nach wie vor zwingend, gewinnen „moving stills“, bewegte Bilder, in digitalen Publikationen rasch an Bedeutung. Diese weit reichenden Veränderungsprozesse zwingen dazu, die fotografische Praxis zu überdenken. Das gilt insbesondere für alle, die sich weiter entwickeln wollen, die Fotografie studieren oder als Beruf ausüben (möchten). Sich jetzt noch an den Ideen und fotografischen Idealen des vergangenen Jahrhunderts zu orientieren, wäre für sie besonders fatal. Diesen Beitrag weiterlesen »

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