Das Selbstbild des (alternden) Fotografen

13. Januar 2012

Saul Leiter: Taxi, ca. 1957 © Saul Leiter Courtesy: Saul Leiter, Howard Greenberg Gallery, New York

In den Hamburger Deichtorhallen wird ab 3. Februar 2012 die erste Retrospektive des Künstlers Saul Leitner zu sehen sein. Der heute 88jährige Maler und Fotograf ist dafür bekannt, schon ab den Vierzigerjahren ausdrucksstarke Farbfotografien realisiert zu haben. Sein Stil ist charakteristisch und dank Retro-Charme gleich doppelt fazinierend. Im Magazin AD Architectural Digest 2/2012 erschien ein schöner Artikel, für den AD-Chefredakteur Oliver Jahn den Künstler in New York besuchte. Während Saul Leitner sich nie groß um museale Anerkennung bemühte, sieht er die Aktivitäten seines Kollegen Lee Friedlander mit Humor: “Wenn Lee Friedlander vor der Frage steht, ein Bad zu nehmen oder ein Buch zu machen, entscheidet er sich für das Buch.” Buchcover Lee Friedlander
Das aktuelle Buch von Lee Friedlander (geboren 1934, lebt ebenfalls in New York) heißt “Lee Friedlander In the Picture Self-Portraits 1958-2011″ und ist bei Yale University Press Ende des letzten Jahres erschienen. Es enthält 400 x Lee Friedlander, von den Schatten, die er ins Bild wirft bis zu späten Selbstporträts mit seiner Familie. Da ich das Buch nicht vorliegen habe, verweise ich auf diese schöne Besprechung mit Fotos (englisch).
Friedlanders Radikalität, sich selbst zum Bildgegenstand zu machen, ist bei Malern gängig, bei Fotografen die Ausnahme. Die meisten haben schon Probleme, ein passendes Foto von sich für die Vita auf der eigenen Website zu finden. Nicht so Bill Owens, einer von den hierzulande eher weniger bekannten amerikanischen Fotografen, Jahrgang 1938. Wie Leitner scheint Owens ziemlich viel Humor zu haben und sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Jedenfalls ist bei ihm das, was sich bei Friedlander zum Buchprojekt auswächst, lediglich Stoff für eine originelle und witzige Vita. Sehen Sie selbst.

PHOTOGRAPHY CALLING!

29. Dezember 2011

Tobias Zielony 13 Ball From Trona – Armpit of America, 2008 C-Print 84 x 56 cm Courtesy Sammlung Halke © Tobias Zielony

Jetzt aber schnell! Die Ausstellung im Sprengel Museum Hannover ist nur noch bis zum 15. Januar 2012 geöffnet (siehe auch die Termine unten). PHOTOGRAPHY CALLING! zeigt mit Werken von 31 Fotografinnen und Fotografen auf über 2000 qm künstlerische Fotografien seit den 1960er-Jahren. “Die Ausstellung wird vom Sprengel Museum Hannover in Kooperation mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung durchgeführt und stellt ausgehend von deren europaweit einzigartiger Sammlung von umfangreichen Werkgruppen ausgewählter amerikanischer und europäischer Fotografen die Frage nach der Geschichte und den Perspektiven des ‚dokumentarischen Stils’. Mit PHOTOGRAPHY CALLING! soll ein weiteres Signal gegeben werden, um Hannover als wichtigen Standort für künstlerische Fotografie im Norden zu etablieren.”

Die Ausstellung wurde kuratiert von Inka Schube, Kuratorin für Fotografie und Medienkunst, Sprengel Museum Hannover, und Thomas Weski, Professor für „Kulturen des Kuratorischen”, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig.

Sie bietet ein internationales wie stilistisches Spektrum an, beginnend mit den traditionellen Favoriten von Thomas Weski: “Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Bernd und Hilla Becher, William Eggleston, Lee Friedlander, John Gossage, Nicholas Nixon, Martin Parr und Michael Schmidt. Positionen wie die von Rineke Dijkstra, Paul Graham, Thomas Struth und Fotografinnen und Fotografen folgender Generationen, wie Jitka Hanzlová, Stephen Gill, Jochen Lempert, Elisabeth Neudörfl, Heidi Specker und Tobias Zielony, schreiben die fotografische Erzählung über die Welt mit den Mitteln einer streng dem Medium verpflichteten und doch zugleich höchst subjektiven Fotografie fort. Max Baumann, Boris Mikhailov (eine überraschend spannende Serie – mm), Rita Ostrowskaja und Helga Paris erweitern die Perspektive um Erfahrungen der biografisch prägenden Konfrontation mit unterschiedlichen politischen Systemen. Laura Bielau, Thomas Demand, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Wolfgang Tillmans und Jeff Wall verwenden Stilmittel des Dokumentarischen im Sinne einer modellhaften Auseinandersetzung mit Wahrnehmung.”

Die Auswahl der Fotografen wirkt leider ein wenig so, als seien zwei unterschiedliche Auffassungen vertreten, von denen jede seine “Positionen” unterbringen wollte. Schade ist auch, den guten und wichtigen Ansatz durch Exponate zu verwässern, die gar nichts mit dem dokumentarischen Stil zu tun haben (z.B. von Thomas Demand). Der Ausdruck stammt von Walker Evans, der, nachdem er im Rahmen eines sozialdokumentarischen Kontextes fotografiert hatte, sich dagegen absetzte, indem er sagte, er fotografiere nicht dokumentarisch, sondern im dokumentarischen Stil, und damit seine künstlerische Haltung zum Ausdruck brachte. Beim dokumentatischen Stil geht es also nicht um die bloße Abbildung von Realität (oder von Kunst wie bei Demand), sondern um die realitätsabbildende Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel. (Evans: “You see, a document has use, whereas art is really useless. Therefore art is never a document, although it can adopt that style.“)

Thomas Weski äussert im Katalogbuch Wünsche. Denen möchte ich einen hinzufügen: Es wäre zu bedenken, es den Museen in den USA gleichzutun und jene Fotografen in Ausstellungen einzuschließen, die im eigenen Land sind, und sich bemühen, das Medium samt dokumentatischem Stil voranzubringen. Ich vermisse in der Ausstellung Arbeiten von Peter Bialobrzeski (geboren in Wolfsburg) und Andreas Meichsner (geboren in Hannover). Von Heinrich Riebesehl gar nicht zu reden. Mit Ralf Peters (aus Lüneburg), hätte man quasi vor der Haustür ein wunderbares und international anerkanntes Beispiel für jemanden, der auf der Grenze zwischen Abbildung und freier Kunst zum Thema Wahrnehmung arbeitet. Wer, wenn nicht die Niedersächsische Sparkassenstiftung und das Sprengel Museum, könnte die guten Leute in der eigenen Region würdigen?

William Eggleston Untitled, 1971 From 14 Pictures, 1974 Dye Transfer Print 31.5 x 47.1 cm Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hanover © Eggleston Artistic Trust 2011 Repro: Photo-Team Jürgen Brinkmann, Hannover

Jeff Wall Men move an engine block, 2008 Gelatine Silver Print 138.5 x 176.5 cm Courtesy of the artist © Jeff Wall

Lee Friedlander New City, New York 1996 Gelatine Silver Print 25.9 x 25.6 cm Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover © Lee Friedlander Repro: Jürgen Brinkmann, Hannover

Robert Adams Pikes Peak. From The New West, 1968-71 Gelatine Silver Print 15.2 x 14.2 cm Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover © Robert Adams Repro: Michael Herling / Uwe Vogt, Sprengel Museum Hannover

Boris Mikhailov Untitled From German Portraits, 2008, printed in 2011 C-Print owned by the artist, courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin © Boris Mikhailov / VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Installationsansicht Gursky - Zielony © Aline Gwose / Michael Herling, Sprengel Museum

Installationsansicht Becher - Paul Graham © Aline Gwose / Michael Herling, Sprengel Museum

Es gibt noch zwei interessante Termine: Am 8. Januar, 11.15 Uhr, spricht Florian Ebner, Leiter des Museum für Photographie in Braunschweig, mit Kurator Thomas Weski. Am 10. Januar, 18.30 Uhr, spricht Prof. Dr. Hubert von Amelunxen, Präsident der Hochschule für Bildende Kunst Braunschweig, mit Kuratorin Inka Schube. Und die Kuratorin veranstaltet auch noch eine Führung durch die Ausstellung am 15.1.2012 um 14 Uhr.
Der Katalog zur Ausstellung hat 460 Seiten und kostet in der Ausstellung nur 29 Euro (erschienen bei Steidl, Göttingen).

Geschenke mit Humorbonus

8. Dezember 2011

Geschenke auszuwählen ist eine ernste Sache, aber das Präsent selbst darf durchaus erfreuen und erheitern. Sozusagen ein Geschenk mit Doppelnutzen. Viele Präsente dieser Art für Foto- und Technikfans gibt es nicht, aber hier sind drei Vorschläge:
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Buchverlosung – Yesterday’s Future

5. Dezember 2011

Buchcover Yesterday's Future Wie kommt der Fön ins Museum? Der Medienkünstler J. Scriba ging dieser Frage nach und erforschte in einer Fotoexpedition die verborgenen Archive des Deutschen Museums in München. Er erlebte einen Ausflug in ein surreales Zwischenreich: Während Besuchermassen in den Ausstellungsräumen imposante Dampfmaschinen bewundern oder sich von künstlichem Blitz und Donner in Erstaunen setzen lassen, horten Archivare in den menschenleeren Kellern des Museums, was dereinst Zeuge unserer Zeit sein könnte. Vom Inventarisierungs-Etikett geadelt, reifen banale Gebrauchsgegenstände zu wertvollen Exponaten heran – in einem lautlosen Transformationsprozess gerinnt hier Gegenwart zu Geschichte. So entstanden – nicht selten rätselvolle – Stillleben von Gegenständen aus einer Zeitzone des Übergangs vom Jetzt zum Einst, einer bizarren Welt, die dem normalen Museumsbesucher verborgen bleibt.
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Colin Delfosse: Les Amazones du PKK

28. November 2011

Unter den prämierten Serien des “SFR Jeunes Talents Photo” auf der Paris Photo 2011, fiel mir diese besonders auf. Colin Delfosse, 30 Jahre alt, zeigt wie journalistische Fotografie im 21. Jahrhundert aussehen kann. Im Unterschied zum alten Modell “unbemerkter Beobachter” ist hier der Fotograf involviert und baut eine spannende Kommunikation zu seinem Motiv auf. Der junge, sehr große Belgier schafft es nicht nur, diese Kämpferinnen für die politische Anerkennung der Kurden und die Anerkennung der Frauen in wunderbaren dokumentarischen Porträts zu zeigen. Es gelingt ihm auch, in ihr Leben in der Illegalität zu blicken und geradezu poetische Momente des Alltags einzufangen. Was beispielsweise wie eine heitere Badeszene wirkt, entstand, als die jungen Frauen Deckung suchten, um nicht bombardiert zu werden. Am Ende des Tages (und der Bildreihe) sieht man die Kämpferinnen bei einem kurdischen Tanz.

Colin Delfosse ist ausgebildeter Journalist, der sich 2005 der Fotografie zuwandte und das Kollektiv “Out of Focus” mitbegründete, zu dem die ebenfalls herausragende Alice Smeets gehört. Er realisiert Reportagen in Asien und Afrika, gerade war er anlässlich der Präsidentschaftswahlen im Kongo. Die Serie über die PKK-Kämpferinnen im Irak entstand 2009. Seine jüngsten Projekte führten ihn nach Kasachstan und Usbekistan, um die sowjetischen Hinterlassenschaften in Zentralasien zu fotografieren.

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