Digitaler Workflow und dann?

Die technischen Aspekte des digitalen Workflow sind komplex und bieten Anlass, sich ausführlich damit zu beschäftigen. Doch wenn der Monitor kalibriert ist und der Drucker macht, was er soll, wird es erneut spannend, nämlich bei der Frage des Ausdrucksstils. Warum Farbe das neue Schwarzweiß ist, habe ich für das Magazin Fine Art Printer erläutert, wo dieser Beitrag in Ausgabe 04/08 erschien.

Himmel hatten strahlend blau zu sein, das, meinte die Firma Kodak, wolle der Fotografierende so, und entsprechend wurden die Filmemulsionen abgestimmt. Wer es nicht so gerne bunt trieb, der fotografierte schwarzweiß. Bis in die Achtzigerjahre galt Schwarzweiß als künstlerischer und nur wenige Fotografen wagten sich an eine individuelle Farbauffassung – wie Sheila Metzner mit dem aufwändigen Fresson-Print. Nicht zufällig waren dies meist Studioaufnahmen, denn die Zurückhaltung gegenüber der Farbe hatte sehr viel mit der Bildkontrolle zu tun. Bei kommerziellen Aufnahmen arrangiert der Fotograf (oder der Stylist) das Motiv, so dass Farben nicht zufällig vorkommen. Da Farbe immer auch Emotion vermittelt, ist die Kontrolle über die Farbe ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn es um die Erzielung einer Bildwirkung geht. In der Reportagefotografie mag eine rote Getränkedose auf einer Wiese ein Statement sein, in der Landschaftsfotografie stört beispielsweise ein roter Mast einfach nur das ansonsten idyllische Motiv. Mit Schwarzweißfilm hatte man das Problem der störenden Farbe von vorne herein nicht. Weiterhin bevorzugten Künstler das monochrome Fotografieren, weil der Schwarzweiß-Fotograf die volle Kontrolle über den chemischen Prozess hatte, der Farbfotograf aber auf standardisierte Entwicklungsprozesse (C-41, E-6, K-14) angewiesen war, und im Normalfall auch nicht selbst im Labor stand. In den Neunzigerjahren kam dann jedoch an einigen Hochschulen die Mode auf, mit Farbnegativfilm zu fotografieren und den auch selbst zu entwickeln und zu printen. Wirklich zartfarbige Bilder tauchten häufiger auf, gelegentlich aber auch modische Auswüchse wie die Cross-Entwicklung (Diafilm in C-41) oder überblitzte und unterbelichtete Bilder.

Parr und Eggleston trieben es bunt

Doch auch der „Kodachrome-Stil“ schaffte es – zu analogen Zeiten – von der Kunstwelt anerkannt zu werden. Der Vorreiter war William Eggleston, später kam Martin Parr. Eggleston schaffte es, knapp gesagt, tatsächlich mit Fotos aus dem Minilab ins Museum. Sie entsprachen denn auch farblich dem, was die Industrie als Standard ansah. In der DG-Sammlung hängt (gesehen im Städel, Frankfurt) sogar ein berühmtes Motiv in einem scheußlichen Abzug wie aus dem Großlabor.
Es ist schon lange her, aber Magnum-Fotograf Martin Parr hat nicht immer mit Ringblitz fotografiert (und damit einen Trend in der Modefotografie ausgelöst). Die frühen Arbeiten sind noch ganz „normal“ in den Farben. Erst dann legte er das volle Pfund Rot, Blau, Grün auf, und erschreckte die Betrachter mit Nah-an- und Einsichten, bei denen die Farbe die Aussage plakativ untermauert. Dazu verwendete er tatsächlich „Amateurfilm“, wie er selbst sagt, meist von Fuji, der mit dem Blitz eine hohe Farbsättigung ergibt. Erst 2006 fing Parr an, digital zu fotografieren, und die Farben sind nun entsprechend gemäßigter.
Beide, Eggleston wie Parr, bedienten sich des Knipserlooks ganz bewusst für ein fotografisches Statement, ebenso der Technik des schnellen Schnappschusses, sind jedoch bei den Motiven selbst ziemlich weit vom Durchschnittsfotografen entfernt – auch vom professionellen. Deswegen hängen die Bilder von Eggleston und Parr im Museum und andere nicht.

Blasse Farbe ist das neue Schwarzweiß

Heute ist jeder digital Fotografierende in der privilegierten Situation, die Farbe sehr einfach und sehr perfekt kontrollieren zu können. Das gibt der Farbfotografie als Ausdrucksmedium einen ganz neuen Spielraum und Stellenwert. So ist es verständlich, warum die Schwarzweißfotografie ganz in den Hintergrund tritt. Sie bietet natürlich immer noch einen höheren Abstraktionsgrad, von dem beispielsweise ein Landschafts- oder Porträtfotograf durchaus profitieren kann, doch mit dem Vorzug der individuellen Prozesskontrolle vermag sie nun nicht mehr zu punkten.
Mit RAW-Dateien kann man bei jedem Motiv im Nachhinein entscheiden, ob es denn schwarzweiß oder farbig sein soll, und, nicht zu vergessen, ob es steilere Kontraste braucht, oder eher eine sanfte, farblich reduzierte Anmutung bekommen soll. In den letzten Jahren liegen entsättigte Farbfotografien total im Trend. Geprintet werden sie gerne auf Hahnemühle Photo Rag, was durch die matte Papieroberfläche den pastelligen Effekt weiter unterstützt. Im Grunde hat man damit eine Art Hybrid-Lösung geschaffen: Die Farbe ist so zurückgenommen, dass die Information da ist, aber nicht penetrant ins Auge sticht – das kann, gerade bei wenigen Farben, ein klarer Vorteil gegenüber der klassischen Schwarzweiß-Fotografie sein. Vor allem, da man zugleich nicht die knackigen Schwärzen braucht, durch die Schwarzweißfotos ihren besonderen Charme beziehen. Entsättigte Farben können bei Porträts, Reportageszenen, aber auch bei vielen Stimmungsmotiven sehr passend sein. Wichtig ist aber, dass man nun nicht alle RAW-Dateien uniform im „50’s style“ entwickelt, wie in den Daten eines Bildes dank Exif Viewer zu lesen war, um damit auf einen Trend aufzuspringen, der seinen Zenit wohl überschritten hat. Viel besser wäre es, einen eigenen Ausdrucksstil zu entwickeln, und der kann, muss sich aber nicht, in festgelegten RAW-Entwicklungsdaten niederschlagen.
Für alle, die den Effekt der Entsättigung ausprobieren möchten, gibt es in Lightroom einen Regler mit der Bezeichnung „Lebendigkeit“: treibt man es zu weit, ist das Bild das Gegenteil von lebendig, nämlich tot. Aber auch das kann ja gewollt sein.

Jeder sein eigener Farbmanager

Farbe im Foto ist also weder neutral noch objektiv, sondern sollte immer so ausfallen, wie der Fotograf und die Fotografin es für am besten halten. Dazu ist es wichtig, über das rein Technische des Workflows hinaus, sich grundsätzlich mit der Frage zu befassen, wie man mit der Farbe umgehen will.
Für alle Profis und ehemalige Duka-Arbeiter ist es eine Kleinigkeit, bei jedem Motiv, das geprintet werden soll, zu entscheiden, welche Kurven wie optimiert werden. Denn sie haben eine Idee im Kopf, wie ihre Bilder „richtig“ auszusehen haben, und nutzen die digitalen Tools, um präzise das Ergebnis zu erzielen, das ihnen vorschwebt.
Bildschirm und Drucker müssen die Farbe objektiv richtig wiedergeben, aber welche Farben in welcher Stärke ausgewählt werden, das sollte immer die Entscheidung des Fotografierenden sein – und eben nicht mehr die der Chemiker bei Kodak. Von daher sollte man nun auch nicht wieder den Stil der analogen Filme simulieren, wie es die Hersteller der Kameras zunehmend ins Programm schreiben. Auch wer mit RAW-Daten arbeitet, und die nach den in der Software vorgegebenen Schemata wie Landschaft, Porträt oder eben 50’s Style, entwickeln lässt sollte bedenken, dass Fotografie nur dann gut ist, wenn ein individuelles Ausdruckswollen dahinter steht.
Aber Achtung, mit dem Ausdruckswollen ist es wie mit Pickeln: zuviel ausgedrückt wird’s ziemlich unansehnlich.

2 Kommentare

  1. Als Abrundung des Artikels möge eventuell noch dieser Link hier dienen http://money.cnn.com/galleries/2009/fortune/0906/gallery.kodak_kodachrome.fortune/index.html … (sehr) frühe ‚Kodak-Werke‘, darunter auch ein seltener farbiger Ansel Adams aus dem Jahre 1945 (und DER war ja wahrlich nicht gerade für Farbfotografie bekannt).

    In der Auflistung der Farb-Historie bekannter Fotografen sollte eventuell Stephen Shore nicht fehlen.
    Auch z.B. Manuel Alvarez Bravo (ditto eher für S/W bekannt) hat mit ‚El Color‘ ein ‚Icon‘ abgeliefert.

    Und erinnern möchte ich in dem Zusammenhang eventuell auch noch an das Standardwerk ‚Farb Design in der Fotografie‘ von Harald Mante aus dem Jahre 1969/70 (!) M.E. bis heute im Gehalt nicht übertroffen.

    Besten Gruss,
    Reini

Kommentare sind geschlossen.