Juliane Eirich

Juliane Eirich kommt viel rum, ist aber keine Reisende, sondern das, was ein Fotograf sein sollte: neugierig, gespannt auf andere Menschen und andere Kulturen und vor allem auf deren Häuser. Die 1979 in München geborene Fotografin, die an der Fachakademie für Fotodesign in München ihre formale Ausbildung 2003 abschloss, lebte schon in New York und Honolulu und wohnt derzeit in Seoul, Südkorea. Das Besondere an Juliane Eirich ist, dass sie in der Fremde fotografiert, ohne Reisefotos zu machen, dass sie sich auf Architektur spezialisiert, ohne der klassischen Architekturfotografie zu folgen, und dass ihre Fotos ziemlich grafisch und abstrakt anmuten, ohne ins Langweilig-Leblose zu kippen – was nicht einfach ist. Ein wenig hilft, dass sie nachts fotografiert, das ist ein Stilmittel, das allzu selten einmal angewendet wird, und hier zu einer schönen Perfektion gelangt. Hinzu kommt als ganz wesentlicher Faktor des Gelingens, dass sich Juliane Eirich mit den Motiven nicht nur (oder nicht mehr nur) optisch auseinandersetzt, sondern inhaltlich. Dank eines DAAD-Stipendiums kam sie nach Seoul. „Ich habe“, schreibt sie aus Südkorea, „damit ein Jahr bei Professor Ahn Sang-Soo an der Hong-Ik Universität studiert und dabei meine eigenen Fotoprojekte verwirklicht. Das Bild, das ich mitschicke, ist von meinem Thema Dogil Maeul, dem deutschen Dorf in Südkorea.“

Juliane Eirich erläutert zu ihrem Projekt: Im Jahr 1960 zogen Tausende von südkoreanischen Krankenschwestern und Minenarbeitern nach Deutschland. Monat für Monat schickten sie Geld nach Hause und schoben so den Aufschwung der damals armen Heimat an. Die Summe betrug jährlich etwa zwei Prozent des südkoreanischen Staatshaushalts. Die meisten kehrten nach einigen Jahren wieder zurück, doch viele hatten in Deutschland geheiratet, Familien gegründet und blieben. Mittlerweile sind die einst jungen Arbeitskräfte im Rentneralter und es stellt sich für sie die Frage, wo sie ihren Ruhestand genießen möchten, in Deutschland oder in Südkorea.
Um auf keine der beiden Kulturen verzichten zu müssen, gibt es als Alternative das Dogil Maeul, das „deutsche Dorf“ in Namhae, im Süden Koreas, etwa 400 Kilometer von der Hauptstadt Seoul entfernt.

Der Bezirk bietet Krankenschwestern und Bergarbeitern, die mindestens 20 Jahre in Deutschland gearbeitet haben, Baukostenzuschüsse und sehr günstiges Bauland in Namhae an. Dafür müssen sie sich verpflichten, sich für eines von fünf typisch deutsch anmutenden Architekturmodellen zu entscheiden – weißer Verputz, rotes Ziegeldach, hölzerner Balkon und Jägerzaun inklusive. Mein großes Interesse in der Fotografie gilt dem Thema Heimat und der Beziehung zwischen Menschen und der Architektur, die sie umgibt. Beide Inhaltspunkte werden beim Dogil Maeul auf interessante Weise vereint. Für das Konzept zu diesem Thema habe ich den Canon Profifoto Förderpreis 2007 erhalten.

Das Projekt, mit dem sie im vergangenen Jahr durch die Verleihung des New Talent Award 2007 bekannt wurde, heißt „Hale Kula“ und entstand 2004 bis 2005 in Honolulu auf Hawaii. Durch die Aufnahmen der Grundschulen in den milden und immer etwas windigen hawaiianischen Nächten befasst sie sich auf überaus diskrete Weise mit den sozialen Problemen der einheimischen Bevölkerung (die Schulen sind nachts beleuchtet, um Vandalismus zu verhindern) und reflektiert vielleicht unwissentlich auch noch einmal einen wichtigen Aspekt der Geschichte Hawaiis: Die Schulbildung wurde durch die Missionare eingeführt, die die wunderbare Kultur Hawaiis den moralischen Gesetzen der Kirche unterwarfen, und damit das Paradies zerstörten. (Alle drei Abbildungen im Panoramaformat sind aus dieser Serie.)

Dass Juliane Eirich noch oft nächtens mit ihrer Kamera vor seltsamen Gebäuden stehen wird, ist klar, aber man darf gespannt sein, wo das sein wird und was dahinter steckt.

Nicht verpassen: Das Videointerview mit Juliane Eirich auf FotoTV und ihre Webseite www.julianeeirich.com