Olaf Otto Becker: Reading the Landscape

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Gäbe es einen Nobelpreis für Fotobildbände, dann müsste er 2014 an Olaf Otto Becker verliehen werden. Für die unfassbare Leistung, die hinter den Arbeiten „Reading the Landscape“ steht; für den Einsatz, in wunderbaren Landschaftsaufnahmen zu erzählen vom Regenwald, von seiner Zerstörung und von den ebenso skurrilen wie hilflosen Versuchen, Natur im städtischen Umfeld zu rekonstruieren. Olaf Otto Becker, der 1959 in Lübeck geboren, bei München lebt, schrieb in seinem Blogbeitrag bei HatjeCantz:

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[Habitat I] Primary Swamp Forest, black water, Kalimantan, Indonesia 2012

Während ich die Anmerkungen zu meinen Bildern und meinem Buch schreibe, ruhen mein Schreibtischstuhl und meine Füße auf Merbau-Parkett, das in den Tropen Indo­ne­siens ab­geholzt wurde und auf geschickten Pfaden seinen Weg nach Deutschland gefunden hat. Das Parkett hat mein Ver­mieter weit vor meinem Einzug hier im Büro verlegen lassen, weil es außergewöhnlich schön und robust ist. Merbau wird, wie fast alle tropischen Höl­zer, ausschließlich durch die Zerstörung von Ur­wäl­dern gewonnen und ist in Deutschland reichhaltig verfügbar. Es gibt niemanden bei uns, in der westlichen Welt, der nicht schon im Überfluss von der Zerstö­rung der pri­mären Urwälder gehört hat, und doch sind wir immer noch alle direkt oder indirekt daran beteiligt. Mein Blick wandert von meinem Computerbildschirm in den üppig grünen Garten vor meinem Fenster. Es regnet warm in Strömen. Mein Blick folgt den blaugrünen Regentropfen und gleitet mit Ihnen weiter in den tropischen Regen Indone­siens. Ich sehe mich zusammengekauert unter einer Regenplane auf einer Insel vor Sumatra auf meinen Kameraruck­säcken sitzen. Wie oft habe ich es genossen, nach meinen Aufnah­men einfach so unter meiner grünen Plane im laut prasselnden Regen zu sitzen und dem feuchtwarmen Urwald zuzuschauen – nur dazusitzen und zu staunen über diese üppige, grüne, lebendige Fülle. Doch dort, wo ich mich jetzt in meinen Erinnerungen befinde, ist kein Urwald mehr. Stattdessen schwarzer, verkohlter Ur­wald­boden, darauf verstreut leere Gehäuse von Kreb­sen, Hummern, Insekten und Schnecken. Der Boden ist verbrannt bis mehrere Meter unter den leeren Hüllen der toten Tiere. Unzählige Male bin ich bis zum Bauch in den vom Feuer ausgehöhlten Torf­böden versunken, auf der Suche nach einem Bild, mit dem ich meine Betroffenheit zu dem Vorgefundenen einfangen kann.

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[Habitat III] Supertree Grove, Gardens by the Bay, Singapore 2012


In diesen Beiträgen im September 2014 und im Buch lässt uns Olaf Otto Becker ein wenig teilhaben an den Gedanken und Problemen, die ihn beschäftigten. Der Transport der 55 Kilo schweren Großbild- plus Digitalkameraausrüstung durch unwirtliche Gegenden war dabei nur ein Aspekt. Mir ringen sowohl Beckers Commitment, wie auch der damit verbundene körperliche Einsatz höchsten Respekt ab – vielleicht gerade, weil ich so oft mit (professionellen!) Fotografen in Kontakt komme, die am liebsten knipsen, was ihnen unverbindlich vor die Linse springt.
Präsentiert wird Beckers Arbeit über die grüne Lunge in einem Buch, das selbstredend in grünes Leinen gebunden ist. Die Abbildungen im Buch sind 29,5 mal 23,5 cm groß, was durchaus großzügig und praktikabel ist, um das Auge wandern zu lassen, aber auch die Sehnsucht weckt, die Werke wandfüllend zu betrachten. Angesichts der gerade bei Bildbänden ausgebrochenen Mode von integrierten „Originaldokumenten“ und anderen Beiheftern oder Gimmicks (ausgehend womöglich von „The Afronauts“ von Cristina de Middel), kommt die Schlichtheit und handwerkliche Genauigkeit dieses Bandes angenehm zur Geltung. Die Anmerkungen des Fotografen zu seinen Bildern könnten gerne auch noch viel ausführlicher sein.
Nun mag man denken, Großbildfotos vom Dschungel habe man u.a. auch schon von der „Düsseldorf School“ gesehen (die mich aber schwer enttäuschten) und, nun ja, das mit den Rodungen ist schlimm und optisch eher wenig attraktiv. Was Beckers Buch so herausragend macht, ist seine Komposition, die eben mehr ist als eine Zusammenstellung von sorgfältig bedachten Motiven aus den Regenwäldern dieser Erde. In „Reading the Landscape“ geht es um etwas Wichtigeres als Kunst, um ein ästhetisches wie inhaltliches Anliegen, das aus jeder Seite des Buches spricht. Das steigert sich zu Habitat III, dem kurzen Schlusskapitel, das bei mir zumindest Gänsehaut verursacht, vor allem, wenn ich lese, dass die künstliche Pflanzenwelt 70 Kilometer Luftlinie von den größten Verwüstungen angelegt wurde. Der Bildteil endet ganz nah bei uns, nämlich mit dem Motiv einer klassischen Gartenbank im Botanischen Garten in München.
Fazit: Unbedingt kaufen.

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[Habitat II] Erosion after logging of Mangroves, Rangsang Island, Sumatra 2013


Olaf Otto Becker: Reading the Landscape
Verlag HatjeCantz 2014

Text von William Ewing, Gestaltung von Olaf Otto Becker, deutsch/englisch, 160 Seiten, 85 Abb.,
34,80 x 27,80 cm, gebunden, 68,00 Euro
ISBN 978-3-7757-3854-5

2 Kommentare

  1. Nicht gerade *das* weihnachtliche Buch… Aber gerade deswegen ein Buch für Weihnachten, diesem Fest, das in vielen Fällen mehr durch sinnlosen Überfluss glänzt als durch (durchaus angebrachte) Bescheidenheit. Ich glaube, ich werde es mir selbst schenken.

  2. Schon der Bild-Band „Broken Line“ über Grönland 2003-2006 bei Hatje-Cantz war großartig und zeigt das einzigartige Engagement dieses wunderbaren Fotografen; das eine waren die verschwindenden Gletscher; hier also die verschwindenden Regenwälder…Gratulation.

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