31. August 2011

Mit einem Text von Enno Kaufhold, deutsch, englisch und französisch.
Im Rahmen der Anregungen, Fotografien zu kaufen und mit den Arbeiten anderer Fotografen den eigenen Alltag zu bereichern, geht es heute nicht um meine eigenen bescheidenen Bestände, sondern um eine ernsthafte Sammlung, die Collection Regard von Marc Barbey. Seit 2005 widmet sich Barbey dem Aufbau einer Sammlung, die von den Anfängen der Fotografie bis in die 70er Jahre reicht. Einen besonderen Schwerpunkt legt der in Paris Geborene, seit 2003 in Berlin Lebende auf Berlin-Fotos. Vor einiger Zeit erschienen ist ein wunderschön gestaltetes Buch mit dem Titel “Hommage à Berlin” zur gleichnamigen Ausstellung, die noch bis zum 9. Oktober 2011 in der Collection Regard in Berlin-Mitte zu sehen ist. Hier nun berichtet Marc Barbey wie er vor drei Jahren auf den Fotografen Hein Gorny aufmerksam wurde und daraus Buch und Ausstellung entstanden:
Ich blätterte zusammen mit einem Freund durch einen Katalog. Er machte die Bemerkung, Hein Gorny sei ein guter Photograph der Neuen Sachlichkeit, der vor allem als Werbe- und Tierphotograph aktiv war. Diesem Kommentar ging ich nach. Ich fand heraus, dass Gorny 1972 die Eröffnungsausstellung in der Galerie Spectrum, einer der ersten Photogalerien in Europa überhaupt, gewidmet worden war. Initiator dieser Ausstellung war unter anderem Heinrich Riebesehl, für mich einer der bedeutendsten deutschen Photographen der Nachkriegszeit, Professor für Photographie, und selbst Schüler von Otto Steinert. Da ich die Photographien von Heinrich Riebesehl sehr schätze und sammle, war diese Erkenntnis besonders inspirierend.
Ich begann nach weiteren Spuren Gornys zu suchen. Dabei stieß ich auf ein Konvolut historischer Bilder Berlins. Ein Besuch in Lüneburg, um Einsicht in die Sammelmappe zu gewinnen, reichte, um mich für den sofortigen Erwerb der Photos zu entscheiden. Nur so war der bereits begonnene willkürliche Verkauf von Einzelteilen und damit die Zerstörung des Konvoluts aufzuhalten. Es befanden sich in dieser Sammlung, neben vielen Reproduktionen von älteren historischen Fotos, originale Abzüge und Kontakte von Hein Gorny und dem US-amerikanischen Photographen Adolph Carl Byers. Dieser war Ende des Zweiten Weltkrieges nach Berlin gekommen. Einige Aufnahmen konnten später außerdem eindeutig Friedrich Seidenstücker zugeschrieben werden. Seidenstücker ist als Tierphotograph und auch für seine Street Photography mit viel Humor bekannt. Die Auswahl der Photos im Konvolut legt nahe, dass Gorny und Byers an einem Buchprojekt über Berlin vor und nach dem Krieg arbeiteten, das „In Memoriam“ heißen sollte. Deswegen erschienen mir die fachgerechte Konservierung und die intensive Aufarbeitung des Konvolutes umso mehr als eine große und künstlerisch lohnende Herausforderung. Das Konvolut stammt vermutlich ursprünglich aus dem Nachlass eines der Mitbegründer der Kestnergesellschaft Hannover, Wilhelm von Debschitz (1871-1948), ging dann in den Nachlass seiner Bekannten Irma Wendtland über, die von 1948 bis 1965 die Handweberei des Klosters Lüne leitete, und danach zu deren Neffe, von dem ich die Bilder erwerben konnte.
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19. August 2011

Rumlungern - das Gemeinsame an fünf unterschiedlichen Fotoarbeiten
Sie werden die Abbildung oben möglicherweise schon einmal auf meiner Beratungs-Webseite gesehen haben. Eine Zeitlang hingen diese Schwarzweiß-Fotos in meinem Eingangsbereich, scherzhaft das Wartezimmer genannt. Entsprechend hatte ich Arbeiten ausgesucht, auf denen Personen “abhängen”, wie es derzeit und durchaus zu den körperlichen Haltungen passend, heißt. Mir fiel irgendwann einmal auf, dass ich dieses Motiv des Rumsitzens häufiger habe. Ein Grund liegt darin, dass ich selbst am liebsten Menschen fotografiere, und die möglichst entspannt. Die beiden rechten Motive sind denn auch von mir; mutig kombiniert mit einem Motiv des legendären New Yorker Fotografen Larry Fink aus seiner Serie über Boxer.
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9. August 2011
Vor einigen Tagen erhielt ich eine Email, die so endete: “Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, worum genau ich Sie bitte.” Ich sah mir die beigefügten Straßenporträts an, die teilweise ungewöhnlich intensiv waren, was mich spontan begeisterte. Serhiy Voloshyn ist als Fotograf ein Rohdiamant. Er ist noch ungeübt in der Bildauswahl, aber er hat, was entscheidend ist, ein Gefühl für Themen und Menschen. Das lässt ihn viele Anfängerfehler gar nicht erst machen. Zum Beispiel den, die Technik überzubewerten oder sich an einer amateurigen Ästhetik zu orientieren, die wiederum auf oftmals hilflose Weise die kommerzielle Fotografie imitiert.
Ich bin auf Ihre Internetseite übrigens schon vor vier Jahren gestoßen und sie war für mich eine große Hilfe, um anzufangen. Alleine die zehn Photographen, die sie aufgeführt haben, die man als erstes kennen lernen sollte, sind eine geniale Hilfe. Dann die Ratschläge in Konzepten, Projekten zu arbeiten, nicht ins Ausland oder zu exotischen Orten auf der Suche nach schönen Fotos zu gehen, sondern in eigener Umgebung zu arbeiten und viele andere sind Gold wert. Ich danke Ihnen dafür herzlich.
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1. August 2011

Bildband mit 56 Farbabbildungen erschienen im Kehrer Verlag 2011, mit englischen Texten von Robert Evren, Christoph Tannert und der Fotografin, 30 Euro.
Als deutscher Fotograf würde man sonst was dafür geben, bei einem amerikanischen Verlag veröffentlicht zu werden. Für amerikanische Fotografen hat es derweil mehr Prestige, bei einem deutschen Verlag zu erscheinen – so lange das Buch in englischer Sprache gedruckt wird. Natürlich geht das auf ganz profane wirtschaftliche Gründe und die drastische Konzentration im amerikanischen Verlagswesen zurück. Das Drucken ist in Europa günstiger. Trotzdem: Bei der immer noch kleinen Käuferschicht von Fotobüchern in deutschsprachigen Ländern lohnt sich das Verlegen hier nur, wenn man auch in die USA und weltweit verkaufen kann. Beth Yarnelle Edwards traf auf den Kehrer Verlag beim Fotofest in Houston. Sie denkt, dass ihre Arbeit ohnehin besser von Europäern verstanden wird als von ihren eigenen Landsleuten.
“That must be a reason why so much of my career has taken place in Europe. I’d never intended to venture beyond Silicon Valley for my photography, but once I started to exhibit in Europe, invitations came to make new images”, erläutert sie mir per Email. Sie glaubt, dass selbst die gebildeten Amerikaner sich ihrer eigenen Kultur nicht bewußt sind: “American culture can be so dominant that it becomes invisible to the participants.” Die zum Fotografieren notwendige distanzierte Sicht auf die eigene Kultur bekam die Fotografin durch einen zwei Jahre währenden Aufenthalt in Mexiko, wo sie in einer mexikanischen Familie lebte und an einer dortigen Hochschule studierte. Das hat sie und ihre Sicht, wie sie schreibt, für immer verändert.
“Suburban Dreams” ist ein wunderbarer Bildband, eine Inspirations- und Diskussionsquelle. Edwards balanciert geschickt auf der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Porträt und Sittengemälde. Explizit beruft sie sich auf August Sander, was die Typologisierung der Lebenswelt angeht. Wie Sander fotografiert sie, ohne moralische Urteile zu fällen. Sie ist neugierig, stellt aber nie bloß. Und sie schafft es, mit ihren Protagonisen Verabredungen zu treffen, die auf eine intensive Zusammen- und Überzeugungsarbeit hinweisen. Zum Einsatz kommt übrigens keine Großformatkamera, wie ich vermutete, sondern eine Mamiya 7. Die meisten Fotos im Buch entstanden analog, nur drei sind bereits digital aufgenommen.
In diesem Jahr hat Beth Yarnelle Edwards in Berlin fotografiert und man darf gespannt sein, wie typisch deutsch das sein wird.
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29. Juli 2011

Beth Yarnelle Edwards: Katherine M., 2006
In meinem grünen Zimmer hängt neben dem Fenster und damit vor Sonne geschützt, gegenüber der Tür, das Porträt eines sitzenden Mädchens der amerikanischen Fotografin Beth Yarnelle Edwards. “Suburban Dreams” heißt ihre berühmte Serie, in der sie Familienszenen in Vorstädten zeigt. Angefangen hatte die inzwischen in San Francisco lebende Fotografin damit im Silicon Valley. Schließlich dehnte sie ihre anthropologisch-soziologisch inspirierten Erkundungen nach Europa aus. “Mein” Foto sieht etwas anders, man könnte auch sagen: normaler aus, als ihre sonstigen, bei denen mir stets besonders gefällt, dass sie die Motive beziehungsweise Akteure in die Tiefe des Raumes hinein staffelt. Eine Option, die meiner Ansicht nach viel zu wenig Fotografen heute noch wahrnehmen. Diesen Beitrag weiterlesen »
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