Serhiy Voloshyn: Verbindung

9. August 2011

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Email, die so endete: “Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, worum genau ich Sie bitte.” Ich sah mir die beigefügten Straßenporträts an, die teilweise ungewöhnlich intensiv waren, was mich spontan begeisterte. Serhiy Voloshyn ist als Fotograf ein Rohdiamant. Er ist noch ungeübt in der Bildauswahl, aber er hat, was entscheidend ist, ein Gefühl für Themen und Menschen. Das lässt ihn viele Anfängerfehler gar nicht erst machen. Zum Beispiel den, die Technik überzubewerten oder sich an einer amateurigen Ästhetik zu orientieren, die wiederum auf oftmals hilflose Weise die kommerzielle Fotografie imitiert.

Ich bin auf Ihre Internetseite übrigens schon vor vier Jahren gestoßen und sie war für mich eine große Hilfe, um anzufangen. Alleine die zehn Photographen, die sie aufgeführt haben, die man als erstes kennen lernen sollte, sind eine geniale Hilfe. Dann die Ratschläge in Konzepten, Projekten zu arbeiten, nicht ins Ausland oder zu exotischen Orten auf der Suche nach schönen Fotos zu gehen, sondern in eigener Umgebung zu arbeiten und viele andere sind Gold wert. Ich danke Ihnen dafür herzlich.

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Beth Yarnelle Edwards: Suburban Dreams

1. August 2011

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Bildband mit 56 Farbabbildungen erschienen im Kehrer Verlag 2011, mit englischen Texten von Robert Evren, Christoph Tannert und der Fotografin, 30 Euro.

Als deutscher Fotograf würde man sonst was dafür geben, bei einem amerikanischen Verlag veröffentlicht zu werden. Für amerikanische Fotografen hat es derweil mehr Prestige, bei einem deutschen Verlag zu erscheinen – so lange das Buch in englischer Sprache gedruckt wird. Natürlich geht das auf ganz profane wirtschaftliche Gründe und die drastische Konzentration im amerikanischen Verlagswesen zurück. Das Drucken ist in Europa günstiger. Trotzdem: Bei der immer noch kleinen Käuferschicht von Fotobüchern in deutschsprachigen Ländern lohnt sich das Verlegen hier nur, wenn man auch in die USA und weltweit verkaufen kann. Beth Yarnelle Edwards traf auf den Kehrer Verlag beim Fotofest in Houston. Sie denkt, dass ihre Arbeit ohnehin besser von Europäern verstanden wird als von ihren eigenen Landsleuten.
“That must be a reason why so much of my career has taken place in Europe. I’d never intended to venture beyond Silicon Valley for my photography, but once I started to exhibit in Europe, invitations came to make new images”, erläutert sie mir per Email. Sie glaubt, dass selbst die gebildeten Amerikaner sich ihrer eigenen Kultur nicht bewußt sind: “American culture can be so dominant that it becomes invisible to the participants.” Die zum Fotografieren notwendige distanzierte Sicht auf die eigene Kultur bekam die Fotografin durch einen zwei Jahre währenden Aufenthalt in Mexiko, wo sie in einer mexikanischen Familie lebte und an einer dortigen Hochschule studierte. Das hat sie und ihre Sicht, wie sie schreibt, für immer verändert.
“Suburban Dreams” ist ein wunderbarer Bildband, eine Inspirations- und Diskussionsquelle. Edwards balanciert geschickt auf der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Porträt und Sittengemälde. Explizit beruft sie sich auf August Sander, was die Typologisierung der Lebenswelt angeht. Wie Sander fotografiert sie, ohne moralische Urteile zu fällen. Sie ist neugierig, stellt aber nie bloß. Und sie schafft es, mit ihren Protagonisen Verabredungen zu treffen, die auf eine intensive Zusammen- und Überzeugungsarbeit hinweisen. Zum Einsatz kommt übrigens keine Großformatkamera, wie ich vermutete, sondern eine Mamiya 7. Die meisten Fotos im Buch entstanden analog, nur drei sind bereits digital aufgenommen.
In diesem Jahr hat Beth Yarnelle Edwards in Berlin fotografiert und man darf gespannt sein, wie typisch deutsch das sein wird.

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Das Haupt- und 1 Nebenwerk von Beth Yarnelle Edwards, Teil I

29. Juli 2011
Beth Yarnelle Edwards: Katherine M., 2006

Beth Yarnelle Edwards: Katherine M., 2006

In meinem grünen Zimmer hängt neben dem Fenster und damit vor Sonne geschützt, gegenüber der Tür, das Porträt eines sitzenden Mädchens der amerikanischen Fotografin Beth Yarnelle Edwards. “Suburban Dreams” heißt ihre berühmte Serie, in der sie Familienszenen in Vorstädten zeigt. Angefangen hatte die inzwischen in San Francisco lebende Fotografin damit im Silicon Valley. Schließlich dehnte sie ihre anthropologisch-soziologisch inspirierten Erkundungen nach Europa aus. “Mein” Foto sieht etwas anders, man könnte auch sagen: normaler aus, als ihre sonstigen, bei denen mir stets besonders gefällt, dass sie die Motive beziehungsweise Akteure in die Tiefe des Raumes hinein staffelt. Eine Option, die meiner Ansicht nach viel zu wenig Fotografen heute noch wahrnehmen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Sommerprogramm: Fitness für Fotografinnen und Fotografen

25. Juli 2011

Kürzlich war eine Fotografin bei mir, die erwähnte, dass sie jeden Tag anderthalb Stunden lang ein Tracy-Anderson-Fitnesstraining mache. “Anderthalb Stunden?” “Jeden Tag??” Ich war total fasziniert und musste mich regelrecht losreißen und wieder zur Fotografie zurück kommen. Aber sie hat recht. Fotografinnen und Fotografen sitzen heute mehr am Schreibtisch beziehungsweise Rechner als früher, was zu Rückenproblemen führt – ich weiß, wovon ich rede. Und das Schleppen des Equipments oder das Turnen auf Gerüsten erfordert Kraft und Gelenkigkeit. Elastizität ist übrigens keine Frage des Alters, sondern tatsächlich des Trainings.

Zunächst ist natürlich zu überlegen, welche Art von Sport man gut findet und was man erreichen möchte. Joggen ist ein Ausdauertraining, gegen einen steifen Rücken vom Sitzen nützt es nichts. Alles was monoton ist und spaßfrei aussieht, ist ohnehin nichts für mich als Sportmuffel. Entspannung stellt sich meiner Ansicht nach nicht durch ein leeres Hirn ein, sondern durch die Konzentration auf etwas anderes, zum Beispiel das eigene Körpergefühl. Und mal rein rhetorisch gefragt: Wie will man beim Shooting sehen, ob ein Model Körperspannung aufbaut, wenn man selbst mit schlaffem Rundrücken vorm Monitor hängt?

Statt an einem Gerät oder auch ohne Hilfsmittel die immer gleichen Übungen zu wiederholen, setzt sich zum Glück derweil unter Fitnessexperten die Erkenntnis durch, dass Abwechslung ein viel effizienteres Training bietet. Hätte ich mehr Kondition und Koordination, wäre ich bei einem Tanzworkout dabei. Aber schon die auf einem Fitnessmagazin daherkommende freudlos wirkende Probe-DVD von Tracy Anderson war mir zu viel Choreografie und zu wenig rückenschonend. Dennoch entdeckte ich dadurch, wie super Fitness-DVDs sind. Da ich froh wäre, mich hätte jemand eher auf diese Training-DVDs aufmerksam gemacht, gebe ich den Tipp jetzt gerne weiter.

Die Kraft aus der Mitte

Rückentraining ist mein Thema und Entspannung, ohne beim Training einzuschlafen. Ich war verblüfft, welche Parallelwelt sich bei Fitness-DVDs auftut. Tracy Anderson ist der US-Star unter den Trainern momentan, sie kommt vom Tanz. Ich traue echten Physiotherapeuten und ausgebildeten Fitnesstrainern mehr. Auf ein grinsendes Promigesicht beim Vorturnen kann ich verzichten. Die Ex-Sportlerfrauen-Selbstvermarktungs-Workouts fielen für mich daher weg. So stößt man relativ rasch auf die Trainings von Nina Winkler. Neben den typischen Übungen wie Crunches spielt Balance eine Rolle. An den Winkler-Trainings hat man nur Spaß, wenn man auf einem Bein stehen kann oder bereit ist, es zu üben.

Der Vorteil, mit einer DVD zu trainieren, ist enorm: Man übt so lange es dauert, sieht wie die Übungen gehen und fühlt sich wie der unsichtbare Teilnehmer in einer Gruppe. Erstaunlich wichtig für den Spaß zu trainieren erweist sich das Ambiente. Ich habe bis jetzt vier DVDs ausprobiert, bei denen die Übungen draußen an einem Pool oder an einem Strand trainiert werden, und das ist wie Urlaub! Das Bild auf einem großen Fernsehmonitor hilft beim Eintauchen in die sommerliche Atmosphäre, speziell, wenn es mal wieder regnet. Hinterher bin ich verblüffend entspannt. Seit dem 14. Juli mache ich jeden Tag eine halbe Stunde oder auch gut doppelt so lange Gymnastik, erst einmal als Urlaubsersatzprogramm für die Ferienzeit. Es scheint mir viel, viel einfacher zu sein, jeden Tag zu trainieren als sich ein-, zwei- oder dreimal pro Woche aufzuraffen. Das hätte ich nicht vermutet, bevor ich anfing. Ich kann ein 30-Tage-Programm sehr empfehlen.

Nun die von mir ausprobierten DVDs im Einzelnen:

Wirklich hilfreich, speziell, wenn man anfangs noch sehr steif ist, sind Mobilisationsübungen wie sie “Mein gesunder Rücken: Die besten Übungen für Kraft und Beweglichkeit” bietet. Auch hier gibt es Module. Sie sind auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen, die viel sitzen oder aber viel stehen spezifiziert. Geübt wird auf einer Ferienhausterrasse. Wichtig bei der DVD-Auswahl ist neben dem Inhalt auch die gesprochene Anleitung. Bei allen von mir gekauften DVDs sind die Anleitungen präzise und angenehm, sogar gut nachzuvollziehen, auch wenn man nicht aufs Monitorbild sieht, z.B. bei den Übungen in Bauchlage. Hier wird auch die nächste Übung rechtzeitig angekündigt, was ein flüssiges Trainieren von Anfang an ermöglicht.

Die DVDs der Regisseurin Elli Becker punkten alle mit schönem Strand- und Kapstadt-Ambiente. Von ihr ist auch die DVD, die mir sehr gut gefällt: Ein Bauch und Rücken Workout, entwickelt von Dirk Pinnig, präsentiert von den Sportlern Ina Münsberg und Tom Berghoff. Besonders gut finde ich die Stretchingeinheiten direkt nach den Übungen statt nur am Ende. So ist das Workout anstrengend und entspannend zugleich und man bekommt keinen Muskelkater. Im Unterschied zu den anderen DVDs sind die Übungen hier einzeln, somit auch einzeln ansteuerbar. In der Kurzfassung für Einsteiger wechselt man laufend zwischen Ausgangspositionen, das ist etwas lästig. Das volle Programm zu trainieren macht wesentlich mehr Spaß.

Sinnvollerweise sollte man schon einmal Yoga gemacht haben, bevor man den Yoga-Fusion-Workout angeht. Die Übungen verlangen teilweise ein sehr gutes Balancegefühl und sind natürlich toll, wenn einem Yoga alleine zu lahm ist. Da die Übungen von Nina Winkler präsentiert werden, erkennt man vieles von den Rücken-DVDs wieder und kann gleich mitmachen. Insgesamt eine nette Abwechslung, zumal Frau Winklers männlicher Mitturner am Pool ganz knackig aussieht. Auch hier ist man dank zwischenzeitlicher Stretchingübungen am Ende nicht ausgepowert, sondern entspannt und erholt.

Mit schöner Kulisse, aber sonst auf Tracy-Anderson-Niveau hinsichtlich Tempo und Fitnessanspruch ist der “Vital Bikini Workout: Schlank und straff in Rekordzeit“. Man möchte nicht in einer Altbauwohnung wohnen, wo über einem der “Pony-Hopp” geübt wird. Macht aber insgesamt gute Laune und man kann sich das Pensum durch die Module einteilen. Ist auf jeden Fall ein Tipp, wenn man richtig ins Schwitzen (und Kalorienverbrennen) kommen will – man muss dazu keinen Bikini anziehen!

Zwischenfazit: Nach 12 Übungstagen in Folge sehe ich schon deutliche Verbesserungen – kein Vergleich zu 12 x üben über vier Wochen verteilt. Und es stimmt, was alle sagen: Man bekommt mehr Energie.  Und eine bessere Haltung. Viel Spaß beim Ausprobieren!

Herman LeRoy Emmet: Tina warming her feet

19. Juli 2011

Ein Leben ohne die Fotografie kann ich mir nicht vorstellen. Zum Leben mit Fotografie gehört für mich vor allem ein Leben mit den Fotografien an meinen Wänden. Dabei mische ich eigene mit erworbenen Prints. Das ist keine Sammlung, sondern eine persönliche Kollektion von Arbeiten, die mir größtenteils von den Fotografen aus Dank geschenkt oder auch auf mein Bitten hin großzügig überlassen wurden. So etwas war zu analogen Zeiten noch üblich, da waren sogar Pressefotos gelegentlich auf Barytpapier vergrößert. Es geht mir also nicht um den materiellen Wert, den ein Abzug möglicherweise darstellt, sondern um die visuelle Bereicherung.

Herman LeRoy Emmet: Tina warming her feet - in my kitchen

Herman LeRoy Emmet: Tina warming her feet - in my kitchen

Statt also immer nur daran zu denken, wie man seine eigenen Fotos an die Wand von Fremden bringt, soll diese heute beginnende Serie ermuntern, Arbeiten von anderen bei sich aufzuhängen. Ich beginne mit einem Motiv, das, seit ich es besitze, mein “Küchenbild” ist, das heißt, seit 1990 in meiner jeweiligen Küche hängt. Das wird so bleiben, so lange ich eine Küche habe.

Herman LeRoy Emmet: Tina warming her feet - Buchseite

Herman LeRoy Emmet: Tina warming her feet - Buchseite

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“Tina warming her feet at an oven, sitting on empty herbicide bucket, Edneyville, North Carolina, 1979″ ist aus der Serie “Fruit Tramps” des US-amerikanischen Fotografen Herman LeRoy Emmet. Es zeigt die dreijährige Tina Tindal auf einem Eimer, in dem vorher Pflanzenschutzmittel waren, umgeben von Wänden aus Pappe in einer Hütte für Wanderarbeiter. Herman hat sieben Jahre lang die letzte weiße Familie der Wanderarbeiter begleitet, die von Ort zu Ort ziehen, um sich als Obstpflücker zu verdingen. Dabei hat er auch selbst mit angepackt. Kennengelernt habe ich den Fotografen seinerzeit auf dem Fotofestival in Arles, Frankreich.

Da ich ja schon etwas länger in der Branche bin, hatte ich das Vergnügen, etlichen berühmten Fotografen in Person zu begegnen. Gisèle Freund habe ich interviewt, mit Helmut Newton gegessen, für Larry Fink gekocht und von Bruce Gilden ein Foto gemacht. Aber ausgerechnet Herman LeRoy Emmet, der nicht mal mehr so recht als Fotograf aktiv ist, sondern seit Ewigkeiten als Makler in den Hamptons lebt, hat meinen Glauben an das Gute, Wahre und Schöne in der Fotografie wie kaum ein anderer befördert. Die “Fruit Tramps” sind  berührend und unglaublich intensiv, die Hinwendung des Fotografen zur Familie Tindal herzlich und ehrlich. Die Diskrepanz zwischen der Herkunft des Fotografen und dem Milieu, in das er so intensiv eintauchte, ist so groß, dass es mich damals fast umgehauen hat. Und ganz sicher hat es mich auch ermutigt, später selbst über Jahre ein freies Projekt zu fotografieren.

In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder einmal versucht, die Spur von Herman aufzunehmen. Jetzt fand ich auf einem Blog einen Eintrag, dass es jemandem ähnlich ging. Da wird Herman LeRoy Emmet ein großer Einfluss auf die Musik des Bloggers attestiert. Dort fand ich auch den Link zu einer Hamptons-Website, auf der Herman erscheint und sogar schreibt, dass er für das deutsche GEO die Tindals 1992 noch einmal aufsuchte und fotografierte. Und aus einem Kommentar muss man leider auch entnehmen, dass Herman an Parkinson leidet und dies das Ende seiner Karriere als Fotograf bedeutete, der für National Geographic und Life fotografiert hatte. Die “Fruit Tramps” blieben seine einzige dokumentarische Serie. Aber was für eine! Sie hat das Leben der Fotografierten vielleicht sogar weniger beeinflußt als das von allen, die das Glück hatten, damit in Berührung zu kommen. Thank you, Herman!

In Leica Fotografie International 8.89 habe ich eine Bildstrecke veröffentlicht und einen Text zum Projekt geschrieben - hier die letzte Doppelseite mit Tina im Alter von 10 Jahren, 1986.

In Leica Fotografie International 8.89 habe ich eine Bildstrecke veröffentlicht und einen Text zum Projekt geschrieben - hier die letzte Doppelseite mit Tina im Alter von 10 Jahren, 1986.

Widmung von Herman LeRoy Emmet im Buch "Fruit Tramps"

Widmung von Herman LeRoy Emmet im Buch "Fruit Tramps"

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