Alle wohnen in Berlin

Die meisten Kultur-, Web- und Werbetreibenden möchten unbedingt in Berlin wohnen. In Berlin ist man schon halb in den USA. Englisch zu twittern ist obligatorisch. Eine enge Verbindung nach New York besteht traditionell, und so verwundert es nicht, dass sich auch reiche, kunstinteressierte Newyorker eine Zweitbleibe in der Bundeshauptstadt suchen. Das sorgt für Umsatz in den Galerien, was wiederum die Illusion nährt, man könne als Künstler preisgünstig und großzügig wohnen (verglichen mit Manhattan auf jeden Fall) und habe quasi unbegrenzte Ausstellungsmöglichkeiten sowie Einnahmequellen. Nun ja.

Die billige Wohnung ist der heimliche Motor der Berliner Ökonomie, denn erst sie ermöglicht die weitverbreitete Selbstausbeutung und unbezahlte Arbeit in allen möglichen Projekten. Die billige Wohnung ist der Humus des Kultur-Prekariats; böse Menschen sagen, wegen der billigen Wohnungen gebe es in Berlin so viel schlechte Kunst.

Fotografen enden in Berlin häufig genug als Hartz IV-Empfänger, weil es dort so unendlich viel mehr Fotografen gibt als Jobs. Aber sicher: Es lockt eine lebendige und vielfältige Kulturszene, die sich in großen Altbauwohnungen mit Designermöbeln und Flohmarktfunden schick eingerichtet hat. Da die klassische „Homestory“ der Printmagazine im Internet zu großer Form aufläuft, haben bekennende Berlinverächter wie auch Möchtegernberliner die Gelegenheit, neugierige Blicke hinter die Wohnungstüren zu werfen.

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Das Süddeutsche Magazin veröffentlichte jüngst ein Themenheft „So wohnt Berlin„, in dem man erfahren kann, dass Nina Pohl (Exfrau von Gursky) in einem Arne Jacobsen-Bungalow von 1957 im Tiergarten lebt, auf den sie Thomas Demand hingewiesen hat. Wie stylish ist das denn? Sie hasst Poggenpohl-Küchen, was aber nichts macht, da sie anscheinend ohnehin nicht kochen kann. (Die sich aufdrängende Frage, ob sie sich von den idealen 5 Portionen Obst am Tag ernährt oder im Tiergarten fußläufig eine Currywurstbude steht, wird leider weder gestellt noch beantwortet.)

Für die Fotos engagierte die Süddeutsche Todd Selby (nicht zu verwechseln mit Scott Kelby), der seit Jahren ein renommiertes Blog „The Selby“ betreibt, in dem er die Wohnungen interessanter Menschen vorstellt. Das hat auch mal Kai Müller gemacht, der ebenfalls kürzlich von Köln nach Berlin umzog, und sich nun gerade in Irland rumtreiben lässt – was in diesem Fall wörtlich gemeint ist.

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Richtig gut – beneidenswert perfekt vom Logo bis zur Kombi von Text, Bild und Video – bietet  die Site „Freunde von Freunden“ Einsicht ins Berliner Kulturleben. „fvf ist ein Interviewmagazin, das kreativ Schaffende in ihren Arbeits- und Lebensräumen dokumentiert und individuelle Perspektiven und Eindrücke vermittelt“, heißt es auf der Website. Herausgeber ist Frederik Frede, die Fotos realisiert Ailine Liefeld. Die Agentur NoMoreSleep, die fvf verantwortet, ging vor knapp einem Jahr in der Agentur TBWA auf. Frede firmiert als „Interactive Creative Director at TBWA Berlin“. Aus mutigen Gründern werden Angestellte. Aus Avantgarde wird Kommerz mit Trend-Appeal. Das ist normal – auch in Berlin.

PS: NoMoreSleep ist jetzt eine Kaffeebar und Frederik Frede wird in Kürze wieder an eigenen Projekten arbeiten. fvf bleibt uns also erhalten. Wie gut.

3 Kommentare

  1. Gut gestartet, vom Thema abgekommen und im Nirvana geendet.

    By the way, wie der Berliner zu sagen pflegt: Die Mieten in Berlin sind stark gestiegen und die steigenden sozialen Spannung die die Immobilienblase mit sich bringt, bleiben auch der kreativen Gesellschaft nicht verborgen.

    Bleibt nur noch zu erwähnen, dass die besten Fotografen der vergangenen Jahre beinahe ausschließlich aus Berlin kamen oder hier Station machten. Um sich hier dauerhaft durchzusetzen muss mannämlich Qualität liefern. Permanent! Im Übrigen sind die Gagen ebenfalls deutlich unter Westniveau.

    Es ist allerdings sehr zu bedauern, dass sich vor allem das Ausland in Berlin engagiert (und ein Disneyland für Architekten, Designe usw. schafft), während deutsche Großunternehmen, ja sogar Staatsbetriebe, in Regionen abwandern wo der Fachkräftemangel am lautesten beklagt wird. Zieht der kreative Zirkus weiter, verliert Berlin eine der wenigen Finanzierungsmöglichkeiten für Ihre zugezogenen kreativen westdeutschen Gesellschaftsschicht. Ein Spiel mit ungewissem Ausgang. Sicher ist nur: Platzt die Blase gibt es wieder billigen Wohnraum. Vielleicht geht das ganze dann von vorne los.

    Be Berlin!

  2. Ich finde den Artikel richtig gut. Vor allem benutzt er auch noch die Wortwahl, die wohl aus den Artikeln kommt. Ich frage mich, ob solche Magazine wirklich einer kauft. Das sind vielleicht eher Abschreibemagazine (kommt vom finanztechnischen Abschreiben und nicht vom abguckenden Abschreiben). Ich bin öfter in Berlin und erlebe eine verwöhnte Stadt, in der viele jammern obwohl gerade dort unglaublich viel – auch kulturell – zusammenkommt.
    Dass die Zeit der Fotografen in bisheriger Form endet wissen wir ja schon. Aber das ist ja nicht das Ende der Fotografie sondern es gibt viel mehr Fotos und wird neue Formen der Fotografie geben. Thomas Hoepker sagte letztes Jahr mal, dass die Mönche auch arbeitslos wurden als der Buchdruck kam. So ist das halt im Leben.

    Mir gefällt der Artikel auch deshalb, weil ich das fast schon abstrus finde, was es so alles gibt. Ich freue mich immer, wenn Frau Mettner wieder solche Dinger ausgräbt. Abgesehen davon scheint die Rebellion gegen Hartz 4 ja auszubleiben – gerade in Berlin, wo es so viele Menschen mit Hartz 4 gibt, dass Demos sicher Wirkung hätten.

    Aber so hat eben jeder seine Ansichten.

  3. Info am Rande: Habe mal so eine Doku über die Renovierung eines alten Wolkenkratzers gesehen; Upper Westside, wenn ich mich nicht irre. Also New York, richtig teure Ecke. Alle Apartments sind standardmäßig mit Küchen von Poggenpohl ausgestattet worden. Wobei der Firmenvertreter vor laufender Kamera zugegeben bzw. damit kokettiert hat, daß Besitzer ebensolcher Küchen diese in den seltensten Fällen auch benutzen, also zum Kochen. Ob sie nicht wollen oder können, das ließ der Poggenpohl-Mann dabei offen.

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