Alles in Ordnung

bei Andreas Meichsner aus Berlin und Nicholas Faure aus Genf. Bei einem nicht sehr spezifischen Titel kann das passieren: Zwei Fotografen präsentieren eine Zusammenstellung ihrer Arbeiten unter dem identischen Motto. Der ältere von beiden, Nicholas Faure (*1949) ist ein wichtiger und interessanter Fotograf aus der französischsprachigen Schweiz, dessen Arbeiten noch bis zum 26. Februar 2012 im Bellpark Kriens ausgestellt sind. Faure unterrichtet an der Lausanner Kunsthochschule.

Nicolas Faure, Arolla (VS), November 2004, Courtesy Museum im Bellpark Kriens

Nicolas Faure, Rose de la Broye (FR), Januar 2007, Courtesy Museum im Bellpark Kriens

„Nicolas Faure unternimmt mit «Alles in Ordnung» eine neuartige Lektüre der Schweiz“, heißt es im Text zur Ausstellung. „Die Bilder ergeben ein überraschendes und nicht zu erwartendes Bild der Schweizer Befindlichkeit jenseits der bekannten Klischees. Die Ordnung, welche der Titel reklamiert, wird in den dargestellten Bildwelten hinterfragt, wird einerseits als etwas Zwanghaftes dargestellt und andererseits als eigentlich prekärer Zustand interpretiert.“

Da Nicholas Faure sechs Jahre in Manhatten gelebt hat, sieht er die Schweiz seit seiner Rückkehr zugleich als Einheimischer und als Fremder, eine für Fotografen ergiebige Ausgangslage. Die Alpen entdeckt er als Freizeitparadies, dagegen steht das Bild der Schweiz in Kleinparzellen. In seinem Buch „A“ befasst sich Faure mit Autobahnen, die die Landschaft durchschneiden, in der Serie „Pierre Fétiches“ mit Findlingen, die an kuriosen Stellen platziert werden. Dazu reiste der Fotograf quer durch die Schweiz und man merkt den Fotos an, dass er seine Freude am Finden und Verschwindenlassen im Bildkonstrukt hat.

Die Ausstellung in der Nähe von Luzern zeigt nun Bilder des Genfer Fotografen, „die zwar parallel zu seinen grossangelegten Studien zur urbanen Landschaft Schweiz entstanden sind, die aber bisher nicht auf Ausstellungen zu sehen waren. Denn sie sind sozusagen ausserhalb der festgelegten Arbeitskonzepte entstanden. Diese Bilder fallen alle aus dem Rahmen und sind insofern Einzelbilder, eigentliche «Findlinge» innerhalb eines Schaffens, das sonst präzisen konzeptuellen Anordnungen folgt.“

Von Andreas Meichsner (*1973), der in der Fotofeinkost schon vorgestellt wurde, erschien im Kehrer Verlag der Bildband „Alles in Ordnung“ mit Texten von Ann-Christin Bertrand und Rolf Nobel, bei dem Meichsner studiert hat. Zuvor hatte der seit 2004 in Berlin lebende Fotograf schon ein Architekturstudium absolviert. Seinem Sinn für Ordnung hat er also nachweislich gefrönt. Auch seine Bildwelten wirken stets angenehm aufgeräumt, ohne je steril zu sein. Im Gegenteil: Man sieht auch Meichsners Arbeiten das Augenzwinkern und den hintergründigen Humor an, mit dem er zu Werke geht.

Andreas Meichsner, Willkommen im Club, 2008

Als mir Andreas Meichsner 2008 erzählte, er arbeite an einer Serie über Ferienclubs, war ich ziemlich erstaunt, da es sich um ein Modethema der Achtziger oder frühen Neunzigerjahre handelt. Aber Andreas Meichsner gewinnt dem Thema doch sehr zeitgemäße Züge ab, und nicht nur wegen des Borat-Badeanzugs, den ein Mann trägt. Auch die sich selbst würgende Yogaanhängerin oder der rauchende Superman auf Fuerteventura sind einfach sehr erheiternd. Da will man doch gar nicht mehr weg. Auch nicht zum „Schneetreiben“ nach Österreich, das er 2009 bis 2010 beobachtete oder gar an die Costa Iberica. Da schaut man sich lieber Meichsners Beobachtungen von 2009 an. Unübertroffen und eine der besten Fotoserien der Nullerjahre ist und bleibt aber „Arkadia“, die 2005 in den Niederlanden entstand. Mit vier Serien in einem Buch hat man auf jeden Fall viel zu gucken und zu grinsen. Alles in Ordnung von Andreas Meichsner ist eine Empfehlung für die eigene Büchersammlung und eignet sich darüber hinaus gut zum Verschenken. (144 Seiten, 88 Abbildungen, 36 Euro)