Arbeit und Freizeit – 2 neue Bildbände aus dem Kehrer Verlag

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Heute möchte ich auf zwei perfekt korrespondierende Bildbände von Fotografen hinweisen, die auf der Fotofeinkost-Watchlist stehen. Schon 2008 berichtete ich über die Serie „Freizeitfreunde“. Ich schrieb seinerzeit: Ursula Sprecher und Andi Cortellini haben im Raum Basel Vereine fotografiert, besser gesagt: die Menschen, die sich zu Vereinen zusammenfinden, um einen Teil, vielleicht einen großen Teil, der Freizeit gemeinsam zu verbringen. Mit ihrem Projekt „Vor Ort“ sind sie in der Region geblieben, aber was ihnen gelungen ist, weist über die Grenzen der Schweiz weit hinaus. Mit Liebe zum Detail und einer großen Empathie fotografiert, zeigen sie das Individuelle wie das Allgemeine, das man zumindest einmal für den deutschsprachigen Raum als gültige Darstellung reklamieren kann – vom Rahmdeckeli-Tauschverein mal abgesehen.
Die mustergültig inszenierten Gruppen kann man hier ansehen und erst recht im neu erschienenen Bildband aus dem Kehrer Verlag genießen. Da sieht man auch einmal, wie lange so etwas dauern kann!
Schneller ging es bei Andreas Meichsner. Vor etwas über einem Jahr erhielt er einen wichtigen Preis für seine Arbeit über den TÜV Rheinland. Fotofeinkost berichtete mit Fotos. Bereits jetzt liegt der Bildband vor – ebenfalls im Kehrer Verlag, Heidelberg, erschienen. Der Fotograf zeigt Arbeits- und Test-Situationen des Technischen Überwachungsdienstes. Dabei gelingt es ihm, die große Ernsthaftigkeit der Mitarbeiter und Versuchsanordnungen so ins Bild zu setzen, dass dadurch die auf den Betrachter skurril wirkende Situation austariert wird.

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Großes Kino: Es qualmt beim Tüv und bei den Freizeitfreunden.

Darin liegt eine Parallele zu den „Freizeitfreunden“: Dem Uneingeweihten erscheint skurril, was jeweils mit Hingabe betrieben wird. Stilistisch sind die Unterschiede jedoch nicht unbeträchtlich und es ist für die Entwicklung der eigenen Arbeitsweise interessant, die beiden Projekte und damit auch die Vorgehensweisen zu vergleichen. Sprecher und Cortellini holen das absolute Maximum aus der Gruppenaufnahme heraus. Mehrere Menschen zu inszenieren, ist schwer und mit der Großbildkamera ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Statik. Auch durch das serielle Erscheinen der Motive in der Tageszeitung war eine gewisse stilistische Ähnlichkeit notwendig. In diesem Rahmen lassen sie sich wirklich viel einfallen.
Andreas Meichsner war da viel freier und so wechselt er zwischen Personenporträts, eher vom Raum dominierten Szenen und Close-ups wie dem einer brennenden Puppe oder einer rauchenden Mikrowelle. Wer selbst Menschen am Arbeitsplatz fotografiert, kann sich hier abgucken, wie man noch den banalsten Situationen eine visuelle Schönheit abgewinnen kann, die geradezu verblüffend ist. Dass ich nicht übertreibe, mag man an den Preisen erkennen, mit denen die Arbeit bereits ausgezeichnet wurde: bei den Sony World Photography Awards 2013, mit dem Punkt Preis der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften sowie mit dem GRAIN/FORMAT und dem Paul Hill Award.
Für mich sind beides auf ihre Weise optimal realisierte Fotoprojekte in inhaltlicher, ästhetischer wie in fototechnischer Hinsicht. Viele einzelne Motive vereinen all das, was ein gutes Foto ausmacht: Etwas, das uns Neues zeigt; etwas, das wir schön oder amüsant finden und etwas, das wir uns nicht restlos erklären können.

Bibliografische Angaben:
Ursula Sprecher und Andi Cortellini: Freizeitfreunde, Kehrer Verlag, 24 x 21,5 cm, 132 Seiten, 60 Farbabb., Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86828-433-1, 29,90 Euro.
Andreas Meichsner: The Beauty of Serious Work, Kehrer Verlag, 30,5 x 29,5 cm, 112 Seiten, 43 Farbabb., Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86828-474-4, 44,00 Euro