Brita Kunstpreis: Wasser ohne Wellen

Eine häufig gestellte Frage ist: Soll man als Fotograf an Wettbewerben und Ausschreibungen teilnehmen? Das kommt natürlich auf das Renommee an, das der Wettbewerb oder die Ausschreibung verspricht. Die Gewinnerin einer Kategorie beim Sony World Photography Award hatte beispielsweise viele Abdrucke und Interviews, konnte die Publicity aber nicht in Aufträge ummünzen – vor allem, weil sie sich auf die Art der prämierten Fotos festgelegt sah. Wer hingegen mit Kunst sein Talent zu Markte trägt, ist geradezu gezwungen, sich an Kunstpreisen zu beteiligen. Erst, um eine Galerie zu finden, dann, weil das Anliegen eines Galeristen ist, den Marktwert seines Künstlers zu erhöhen. Daher wird der Galerist ein Interesse daran haben, seine Künstler teilnehmen zu lassen. Idealerweise ist der Galerist zugleich Mitglied der Jury, die den Preisträger kürt. So geschehen beim Brita Kunstpreis 2012 „Künstlerische Fotografie“ mit dem schönen, nach Senioren-Fotowettbewerb klingenden Titel „Wasser – Linien – Perspektiven“. 300 Künstler haben sich beteiligt, vergeben wurde ein erster Preis mit 5.000 Euro, zwei zweite Preise mit je 2.000 Euro und ein mit 1.000 Euro dotierter so genannter Publikumspreis, den die Mitarbeiter der ausschreibenden Firma Julia Baier zuerkannten.  Das sind keine großen Summen, gemessen an den Kosten der Herstellung von Exponaten, aber immerhin ist solch ein Unternehmensengagement doch sehr zu loben.

Vielleicht da ich ein Produkt des Unternehmens schätze und täglich nutze und sich die Ausstellung in meiner Nähe befindet, habe ich beim Brita Kunstpreis einmal etwas genauer hingesehen – und war ob der Schwierigkeit, überhaupt an Bildmaterial zu kommen, kurz davor, den Bericht fallen zu lassen. (Wie schrieb eine Kollegin gerade so richtig: Es heißt Pressearbeit. Ihre, nicht meine.) Dabei ist es doch das, was für die Künstler und/oder Fotografen einzig zählt: Dass über sie anlässlich des Preises berichtet wird, wenn man schon den Katalog wegen des Covers, das wie ein Geschäftsbericht gestaltet ist, kaum vorzeigen mag.

Michael Schnabel: Weißes Land V, 2009, 140 x 183 cm

Der erste Preis ging an Michael Schnabel, einen Werbefotografen aus Stuttgart, der von der Galerie Photonet, jetzt Kleinschmidt Fine Photographs, in Wiesbaden vertreten wird, wo er auch von Februar bis Ende April eine Ausstellung hatte. So funktioniert Kunstmarkt! Dass die Ausstellung „Das Schwarze und das Weiße – Fotografie als Malerei“ heißt, klingt, als hätte ich es mir ausgedacht, um meine oft geäußerte Feststellung „Werbefotografen denken in Extremen und greifen auch bei freien Arbeiten gerne zu den Kontrasten Tag und Nacht, Schwarz und Weiß“, zu illustrieren. „Fotografie als Malerei“ ist auch nicht „zukunftsweisend“, wie in der Ausschreibung von den Preisträgern gefordert, sondern spätes 19. Jahrhundert.

Seit vielen Jahren setze ich mich bekanntermaßen für die Fotografie als eigenständiges Ausdrucksmittel ein. Auf ihre Verkäuflichkeit hin produzierten Malerei-Surrogaten kann ich entsprechend wenig abgewinnen. Es geht hier jedoch gar nicht um eine Kritik an dem Fotografen. Online (also klein, hinterleuchtet und ohne Leinwandstruktur) sehen die Arbeiten anders aus. Im Kunsthaus Wiesbaden, vor den „Gemälden“, auf denen man allein schon durch die Größe nur etwas erkennt, wenn man lange draufguckt, kam es wegen des so dezidiert Malerischen unter den betrachtenden Fotografen zu Unmutsäußerungen. „Seine Tendenz zur Vagheit wirkt kühn.“ (Katalog, S. 18) Und überhaupt: Ein Kunstpreis an einen erfolgreichen Werbefotografen? Mehr gegönnt hätte man den Hauptpreis jenen Mitbewerbern, die versuchen, kompromißlos und nur von  gelegentlichen Stipendien alimentiert, von ihrer Fotokunst zu leben – wie Susanne Britz, die den zweiten Preis erhielt – immerhin.

Susanne Britz: Problem 4, 2011, 68 x 90 cm

Das ist zumindest ein künstlerisch eigenständiger Ansatz. Susanne Britz hat nicht nur bildende Kunst, sondern auch Philosophie und Chemie studiert. Daher ist es konsequent, dies den Arbeiten anzusehen.

Dass die direkte fotografische Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser bei einer Kunstpreisjury womöglich nicht so gut ankommt, lässt das Beispiel Julia Baier vermuten, der die Brita-Mitarbeiter den Publikumspreis zusprachen. Die eingereichten analogen Schwarzweiß-Fotografien sind allerdings recht konventionell, sie könnten aus den Achtzigern stammen. (Mich erinnern sie sehr an die Serie „Schwimmer“ von Hans Christian Adam.) Aus ihnen wird nicht unmittelbar deutlich, wie intensiv sich Julia Baier mit dem Thema Badekultur und somit auch mit Wasser auseinandergesetzt hat. Ich kannte bisher nur ihre gelungene Arbeit „Sento“, die aber noch mehr ins Reportagehafte geht.

Dirk Brömmel aus Wiesbaden, der einen zweiten zweiten Preis erhielt, wird das Etikett „dokumentarisch“ aufgeklebt, wahrscheinlich weil man detailgenau erkennen kann, was gezeigt werden soll. Brömmel dokumentiert aber nicht Schiffe, sondern erschafft eine ganz eigene Wahrnehmung von etwas scheinbar Bekanntem. Dirk Brömmel, wie alle, die in Wiesbaden ausgestellt wurden, haben eine Vita mit diversen Ausstellungen und Preisen aufzuweisen. Das ist sicherlich eine Absicherung seitens der Jury, aber auch nützlich, da die Künstler selbst für die Präsentation ihrer Werke aufkommen müssen und diese nicht eigens und ausschließlich für das Event in Wiesbaden nutzen. Mein Favorit unter den Finalisten war übrigens Stefan Stark, der ein Gemeinschaftsprojekt mit  Pujan Shakupa präsentierte. Speziell die Hängung ist individuell und organisiert die unterschiedlichen Blicke aus Innenräumen in jeweils eine „malerische“ Landschaft zu einem neuen Ganzen.

Am Ende bleibt von den Preisen die Nennung in der Vita des Fotografen. Für alle, die nur ins Finale kamen, aber kein Geld erhielten, ist das jetzt vielleicht ein schwacher Trost, aber sie müssen sich nicht über die Verbreitung solcher Pressefotos von sich grämen:

Die Preisträger des diesjährigen BRITA Kunstpreis: Susanne Britz (Platz 2), Michael Schnabel (Platz 1) und Dirk Brömmel (Platz 2)

Zum Vergleich das Foto mit den Profis rechts und links, bei dem Herr Brömmel (unfreiwillig) signalisiert: Augen zu und durch!

Die Preisträger des diesjährigen BRITA Kunstpreis umrahmt von der Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Wiesbaden, Frau Rose-Lore Scholz, und dem Geschäftsführer der BRITA Gruppe, Markus Hankammer.

Eine Variante des Fotos erschien mit der Besprechung der Vernissage in der Lokalzeitung. Also, bei der nächsten Beteiligung an einem Kunstpreis daran denken: Man könnte gewinnen und muss dann zum Gruppenbild antreten. Als Fotograf sollte man wissen, was auf einem Foto gut wirkt. Am besten schon mal darüber nachdenken, wie man den öffentlichen Auftritt souverän meistert. Es fotografieren ja nicht alle so gut wie man selbst!

„Wasser – Linien – Perspektiven“ ist noch bis zum 20. Mai 2012 im Kunsthaus Wiesbaden zu sehen.

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