Behind the Scenes: Endspurt bei der Buchproduktion von „Fotopraxis mit Perspektive“

Das finale PDF generierte ich am ersten Sonntag im August bestimmt zwanzig Mal neu, bevor ich es auf den Server der Druckerei lud. Bei jeder Kontrolle der Seiten fiel mir eine Leerstelle zu viel bei einer Bildunterschrift auf oder eine andere Kleinigkeit. Und das nach endlosen Korrekturdurchgängen! Man ist ja immer wieder verwundert, wie man zigmal das fehlende „m“ in „Schminkspiegel“ übersehen konnte – und ganz erleichtert, wenn es beim x-ten Lesen dann schließlich auffällt. Bis zum letzten Moment gibt es auch inhaltliche Korrekturen, bei denen ich natürlich immer in Sorge bin, neue Schreibfehler zu erzeugen. Zudem gibt es das Feintuning bei der Grafik. Als alles schon fertig ist, entscheide ich, die längeren Erläuterungen zu einigen Fotografien zu „unbolden“, also nicht fett zu lassen, weil das einen optisch so dominanten Block gibt, der die Wirkung der Fotos beeinträchtigen kann. Und die Bilder muss man natürlich auch alle kontrollieren und ggf. nachbearbeiten, wenn beispielsweise der Himmel droht, im Druck keinen Tonauftrag mehr zu haben. Einige ließ ich proofen, um sicherzugehen (siehe Artikelbild). Viele Jahre lang mit der Druckvorstufe kooperiert und etliche Dutzend Magazine und einige Bücher produziert zu haben, bewirkt zumindest, dass man problembewusst mit diesen Dingen umgeht. Heute gibt es leider keine Lithografen mehr, die die Farbkorrekturen übernehmen, dafür hat man Photoshop. Ich finde es immer noch seltsam, ein PDF durch eine Datenleitung zu schicken, das dann, so wie es ist, zum Buch wird.
Wie die Fotoprojekte, über die ich schreibe, funktioniert auch das Buch. Es ist aufwendig: Am Anfang des Jahres 2014 ging es los und seitdem habe ich fast jeden Werktag und am Ende auch an allen Wochenenden daran gearbeitet. Es kostet außer der Zeit auch sehr viel Geld. Aber wenn man eine Idee, unbändiges Ausdruckswollen und womöglich gar ein Anliegen hat, scheut man wie die vorgestellten Fotografen eben weder Kosten noch Mühe. Für mich ist es die Art Buch geworden, die ich selbst gerne gehabt hätte, als ich anfing, mich ernsthaft für das Medium zu begeistern.

Von der Idee über die Recherche zum Konzept

Wie das oft bei freien Projekten ist, wusste ich zu Beginn nur, ich wollte für einen Teil des Buches die Darstellungsform des Interviews wählen, um nicht nur immer wieder zu proklamieren, man solle doch bitte freie Projekte fotografieren, sondern Fotografinnen und Fotografen zu Wort kommen lassen, die das tun und damit erfolgreich sind. Ich habe längere Zeit recherchiert und überlegt, wer wohl interessant genug ist, und auch bereit, etwas von sich zu erzählen. Das ist, wie wir von wortlosen Fotografenwebseiten wissen, schon eine große Hürde. Einige, bei denen ich mir zunächst total sicher war, sie im Buch vorstellen zu wollen, hatten inzwischen Projekte vorgelegt, über die ich lieber den Mantel des Schweigens breiten wollte als zu reden. Hinzu kamen Schwangerschaften und andere Wechselfälle des Lebens oder des Konzeptes, die eine Kooperation verhinderten.
Bei aller Vorab-Recherche und dem Umstand, dass ich einige Interviewte schon vorher kannte, merkt man den Interviews, hoffe ich, meine Neugier an. Bücher mit standardisierten Interviewfragen finde ich nämlich furchtbar. Die sind natürlich viel einfacher zu realisieren, vor allem, wenn man die Interviews schriftlich führt. In den Fällen, in denen das notwendig war, habe ich die Form des Ping-Pong-Interviews gewählt: Ein, zwei Fragen geschickt und die Antwort abgewartet, dann erst die nächste Frage oder Fragen. Und, was vielleicht erstaunt: Das Interview ist eine journalistische Form, die viel mehr Arbeit erfordert, als das Schreiben eines laufenden Textes. Denn in der Regel ist gesprochene Sprache in geschriebene Sprache mit vollständigen Sätzen zu redigieren, und sehr viele „auch“ und „dann’s“ sind dabei zu eliminieren, um einen schönen Lesefluss zu gewährleisten. Manchmal hatten zudem die Interviewten das Bedürfnis, nachträglich inhaltliche Änderungen vorzunehmen. Ein Buch ist ja quasi „für die Ewigkeit“ – obwohl das heute auf einen Blog-Text vielleicht viel eher zutrifft.

FPMP_layout

Kleine Ausdrucke der Doppelseiten halfen dabei, die Reihenfolge der Beiträge zu optimieren und eventuelle Lücken zu füllen.

Nachdem ich die 16 Interviews geführt, transkribiert und in vier Fällen auch übersetzt hatte, mussten sie von der Länge ins Layout passen, was wundersamerweise meist aufging. Die Interviewanfragen habe ich übrigens gestaffelt gestellt. Auch das ähnlich einem Fotoprojekt. Nach etwas mehr als der Hälfte legte ich die Interviewlayouts auf dem Boden aus, um eine schlüssige Reihenfolge zu finden und zu sehen, welche Aspekte eine gute Ergänzung wären. Ich kann gar nicht einschätzen, ob das Lesern überhaupt wichtig ist und auffällt, aber für mich sind die schlüssige Abfolge, die sich gegenseitig ergänzenden vielfältigen Themen und unterschiedlichen Werdegänge das, was mir am Buchkonzept am meisten Freude macht und bedeutet.

Eine wichtige Frage für das Essay: Welche Fotopraxis hat Perspektive?

Vor die wunderbaren Geschichten, Einsichten und Praxiserfahrungen der Fotografinnen und Fotografen hat die Autorin (also ich) die Lektüre eines Essays gesetzt. Zum einen, weil darin auf verschiedene Aspekte in den Interviews übergreifend aufmerksam gemacht wird, die man sonst vielleicht überlesen würde. Zum anderen, weil es mir ein großes Anliegen ist, die aktuellen dramatischen Veränderungen in der fotografischen Praxis zu beleuchten. Nur, wenn man nüchtern betrachtet, was sich verändert, kann man auf diese Veränderungen entsprechend reagieren. Ich möchte es einmal ganz knapp und drastisch so zusammenfassen: Die Zeiten des leicht verdienten Geldes und der Fotografie als Handwerk mit goldenem Boden sind vorbei. Die Fotografie hat aber eine durchaus spannende Perspektive als Ausdrucksmedium – für alle, die sich wirklich reinhängen und dabei nicht (nur) ans Geld denken. Bei meinen Recherchen bin ich tatsächlich auf Tendenzen gestoßen, die so noch niemand gesehen hat – positive natürlich!
So wie Fotografen an ihrer Bildsprache arbeiten (ich bin wahrlich kein Freund dieses Ausdrucks!), arbeite ich an meiner Buchsprache. Jedes Werk hat seine Tonlage. Angesichts der schwierigen Situation vieler Fotografen und sechzehn sensibler Interviewpartner schien mir ein positiv gestimmter Grundtenor durchaus angemessen. Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass ich wieder klar sage, was Sache ist: Das große Umdenken ist für jeden notwendig, der in und mit der Fotografie weiter sein Glück finden will.
Seien Sie also gespannt auf „Fotopraxis mit Perspektive – 16 erfolgreiche Projekte und ihre Macher“! Das Buch erscheint rechtzeitig zur photokina Anfang September 2014.

3 Kommentare

  1. Danke für den interessanten Einblick in die Buchproduktion. Hochgelobte Fotoprojekte – ob zu Recht gelobt, sei mal dahin gestellt – gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Heute bekommt doch jeder, der Stromleitungen, Asphaltlöcher oder Parkplatzfreihalter fotografiert, irgendwo eine Veröffentlichungsmöglichkeit. Deshalb hätten mich die Projekte, über die Sie den Mantel des Schweigens bereiten mehr interessiert. Ausserdem lesen sich Verrisse amüsanter :-)

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