Carlos Alvarez Montero: M (wie Michoacan)

carlos-alvarez-montero7Der Fotograf Carlos Alvarez Montero stammt aus Mexico City, er lebt und arbeitet derzeit in New York und in seiner Geburtsstadt. In seiner fotografischen Arbeit befasst er sich mit dem Verhältnis von äußerer Erscheinung und Identitätsbildung. Er ist der Ansicht, man sollte Menschen nach ihrem Auftreten und Äußeren beurteilen, da sich darin Hinweise für das finden, was im Kopf einer Person vorgeht. Monteros beeindruckende Arbeiten wurden bereits veröffentlicht in Time Magazine, Newsweek, The Fader, Vice, Picnic Magazine, and Neo2. Zurzeit nimmt er an der School of Visual Arts Photography am „Video and Related Media MFA“-Programm teil. Ich sah seine Arbeiten im Blog featureshoot.com aus New York, wo ihn Alison Zavos zu seiner Arbeit befragte. Hier die deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Alison Zavos:
A.Z.: Dieses Projekt, M (wie Michoacan), und ein Großteil Ihrer Arbeit im allgemeinen, handelt von „Streetlife“ und Gegenkultur. Wie entstand Ihre Faszination für dieses Thema und wie gehen Sie vor, um den Grad an Zugang und Vertrauen zu erhalten, der für diese Projekte erforderlich ist?

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Meine Faszination für Straßenkultur kommt von der Musik her. Fast all meine Projekte sind angetrieben von Musik. Ich liebe Musik und suche immer nach neuen Sounds. Ich werde sehr angezogen von Musik, die von den Straßen und der sie umgebenden Folklore kommt, vom Hip Hop zu Cumbia [ein Paartanz aus Kolumbien]. Wenn es Orte gibt, die Musik als ihre Stimme verwenden, interessieren mich diese Orte und ihre Leute. Was den Zugang und das Vertrauen angeht, üblicherweise recherchiere ich, wo ich die Themen finden kann, die mich interessieren, dann gehe ich dorthin und fange an, mit den Leuten zu reden. Ich bin so aufrichtig wie möglich und lasse sie wissen, warum ich an ihnen interessiert bin. Respekt ist ein sehr wichtiger Bestandteil. Wenn Sie wissen, dass du das, was sie tun, achtest, dann wissen sie, dass sie dir vertrauen können. Menschen spüren, ob man jemandem trauen kann oder nicht. Ich mache immer deutlich, dass ich nicht mit einer vorgefassten Vorstellung komme, sondern möchte, dass sie mir ihre Geschichte erzählen. Wenn möglich, gebe ich ihnen immer Prints ihrer Fotos.

A.Z.: Sie machen bei diesem Projekt Videoaufnahmen. Haben Sie vor, von dieser Arbeit einen Dokumentarfilm herzustellen?

Ja. Als ich das erste Mal Jimmy ‚El Pinto‘ Lopez (den Typ im Rollstuhl) traf und mit ihm sprach, war ich erstaunt über seine Persönlichkeit und seine Lebensgeschichte. Am Ende unseres Gesprächs wurde mir klar, dass ich einen Dokumentarfilm machen wollte über Jacoma, den kleinen Ort in Michoacan, Mexico, in dem er lebt und ich wollte ihn als Hauptfigur. Ich fragte ihn, ob er interessiert sei, und er stimmte zu. In Mexico City kontaktierte ich meinen Freund Pedro Jiménez Gurria und bat ihn, zusammen mit mir Regie zu führen. Wir arbeiten daran jetzt seit drei Jahren. Jedes Mal, wenn wir zum Drehen fahren, mache ich weiter Fotos.

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A.Z.: Waren Sie mit den ganzen Leuten und Drehorten, die Sie aufnehmen wollten, vertraut oder haben Sie manche per Zufall entdeckt?

Ich hatte von einer Zeitschrift den Auftrag für eine Geschichte über diese Leute, die in die USA kommen, um als illegale Fremde zu arbeiten, und dort zu Mitgliedern von Gangs werden. Sie gehen dann in ihre Heimatorte zurück und bringen die Kultur der Gangs mit.
Ich wußte von einigen Leuten in Mexico City, aber ich hatte keinen Kontakt zu ihnen. Im Gespräch mit einem Freund, der in der Nähe dieses kleinen Ortes lebt, erzählte er mir, er habe in einem nahegelegenen Ort etliche „cholos“ (Bezeichnung für Mitglieder von Streetgangs mexikanisch-amerikanischer Herkunft) gesehen. An einem Wochenende ging ich also dorthin und fing an, nach ihnen zu suchen. Schließlich entdeckte ich sie auf einer Straße und sprach sie an. Sie waren sehr freundlich. Während wir uns unterhielten und ich anfing, Fotos zu machen, kamen immer mehr und wollten fotografiert werden. Ich blieb mehrere Stunden. Bevor ich ging, holte ich ihnen Bier und sagte ihnen, dass ich jetzt gehen müsste, aber in einigen Tagen zurückkommen würde. Sie sagten ja. Danach wurde es wie beim Besuch alter Freunde.

A.Z.: Ihre Aufnahmen der Gangmitglieder wirken sehr ernsthaft und ruhig. Welche Absicht steht dahinter, sie so zu fotografieren?

Dahinter steht die Idee, die Lektüre all der Symbole und Codes zu ermöglichen, die ihre Erscheinung ausmachen: von der Kleidung, den Tattoos, der Körpersprache bis zum Hintergrund. Ich versuche mich ihnen auf anthropologische Art zu nähern, eine Distanz einzunehmen, die dem Betrachter erlaubt, im Detail zu sehen, um welche Elemente herum sie ihre Identität aufbauen.

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A.Z.: Können Sie etwas über das Fotografieren des jungen Mädchens mit der Kappe erzählen?

Während des Drehs für den Dokumentarfilm beschlossen wir, in ein neues Viertel zu gehen, um mit den Mitglieder einer Gang zu sprechen, die hauptsächlich aus Kindern besteht. Als wir dort eintrafen, sah ich an einer Hausfassade die herrliche Wandmalerei  der „Jungfrau von Guadalupe“. Im Haus war diese Familie: Mutter, Großmutter, ein junges Mädchen und eine Reihe Kinder. Ich fragte, ob ich von ihnen ein Foto vor dem Wandgemälde aufnehmen dürfe und nach einer Weile stimmten sie zu. Aber sie baten mich zu warten, damit sie sich fertig machen können. Nach 30 Minuten Warten kam dieses Mädchen und sagte, sie sei fertig. Ich wusste nicht, wer sie war. Ich war etwas verwirrt, aber die Chance, sie zu fotografieren, wollte ich nicht ausschlagen. Als ich dabei war, die erste Aufnahme zu machen, wurde mir klar, dass es sich um dasselbe Mädchen handelte, das Teil der Familie war. Sie hatte sich vom Enkelkind/Tochter/Schwester in diese starke junge Frau verwandelt, die all das repräsentierte, wonach ich suchte: die Bedeutung von Lifestyle und wie sie ihn ihren Lebensumständen anpassen und zu ihrem eigenen machen. Die Konstruktion einer Identität.

1 Kommentare

  1. Ich finde es sehr beeindruckend und faszinierend wie nahe Carlos Alvarez Montero den Menschen auf der Straße kommt ohne sie bloß zu stellen. Man sieht den Bildern an, daß er ihr Vertrauen gewonnen hat.

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