Ein Impressionist und die Fotografie

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem französischen Impressionisten Gustave Caillebotte bis zum 20. Januar 2013 eine umfassende Werkschau mit rund 50 Gemälden und Zeichnungen. Warum soll man das als Fotografierender unbedingt ansehen? Zum einen, weil die Ausstellung durch über 150 Fotografien des ausgehenden 19. sowie beginnenden 20. Jahrhunderts ergänzt wird, zum anderen, weil Caillebotte eine Vorreiterrolle in der Entstehung eines neuen Sehens hatte. „Die Parkettschleifer“ von 1875 sind nicht nur ein Knallermotiv für ein Gemälde, sondern auch heute noch für jeden Fotografen inspirierend. Im Vordergund steht rechts eine Weinflasche, in der Mitte sind die Arbeiter in charakteristischen Bewegungen festgehalten. Im Hintergrund erkennt man die Wände und das Balkongitter eines heute unbezahlbaren Pariser Appartements, und wenn man weit genug weg steht, sieht man durch das Geländer auch noch in die Ferne. Da kommt also alles zusammen, was beim Fotografieren leicht vergessen wird: die Tiefenwirkung und Handlungsabläufe zu beobachten, um einen charakteristischen Moment einzufangen.

Der Fotograf Eugène Atget fotografierte 1899 oder 1900 die Asphaltierer. Sie sind dem obigen Gemälde beigegeben, um einen Vergleich zu ermöglichen zwischen der Darstellung des Malers und der Dokumentation des Fotografen.

1880 malte Caillebotte den Blick durch ein Balkongitter. Eine ähnliche Sicht auf eine Stadt fotografierte Lazlo Moholy-Nagy 1928 in Marseille.

Gustave Caillebotte (1848 in Paris –1894 in Gennevilliers) war zeitlebens eher als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer der Impressionisten bekannt, obwohl er selbst über 500 Gemälde, Pastelle und Zeichnungen schuf. Im großbürgerlichen Milieu von Paris aufgewachsen, absolvierte er zunächst ein Studium der Rechte. Seine darauf folgende Ausbildung an der Pariser Kunstakademie brach der unabhängige Geist 1874 bereits nach gut einem Jahr ab und schloss sich den impressionistischen „Partisanen“ um Edgar Degas, Auguste Renoir, Claude Monet und Édouard Manet an. Nach dem Tod des Vaters mit einem großen Vermögen ausgestattet, förderte Caillebotte als „Schirmherr der Impressionisten“ fortan die Maler der neuen Richtung. Ab der zweiten (1876) von acht in Paris stattfindenden Impressionistenausstellungen war Caillebotte mit eigenen Werken vertreten. Ab 1881 zog sich der begeisterte Sportler zunehmend in sein Sommerhaus in Petit-Gennevilliers an den Ufern der Seine zurück, wo er neben seiner künstlerischen Tätigkeit zu einem der besten Segler seiner Zeit avancierte und über 20 eigene Schiffsmodelle entwarf. Gustave Caillebotte starb am 21. Februar 1894 im Alter von 46 Jahren an den Folgen eines Gehirnschlags. Bereits zu Lebzeiten hatte er testamentarisch verfügt, dass seine bedeutende Sammlung impressionistischer Werke an den französischen Staat gehen solle; heute gehört ihr Gutteil zum wesentlichen Bestand des Musée d’Orsay.

1876 malte Gustave Caillebotte in Paris die Pont de l’Europe. Warum? Weil diese Metallkonstruktionen zu der Zeit neu und aufregend waren und weil sich Caillebotte für Bewegung interessierte – auch die der Menschen in der Stadt. Wie der Mann sich zu seiner Frau beugt, wie der Mann rechts auf die Seine starrt, wie der Hund seinem Herrchen voraus läuft. All dies würde auf einem Schnappschuss nicht weiter verwundern, aber hier hat sich ein Maler mit jedem Pinselstrich entschieden, es genau so und nicht anders darzustellen.


Wie viele seiner impressionistischen Freunde, die sich die 1839 eingeführte Fotografie für ihre Bildgestaltungen nutzbar machten, kannte auch Gustave Caillebotte dieses neue Medium und dessen vielfältige Möglichkeiten wie Stereo-, Moment- und Bewegungsaufnahmen. Mit beispiellosen Sturzperspektiven, radikalen Aufsichten, Verzerrungen, bruchstückhaften Ausschnitten und Unschärfen muten seine Gemälde tatsächlich wie der kühne Einsatz fotografischer Stilmittel an, die so in der zeitgenössischen Fotografie noch nicht umgesetzt wurden (bzw. noch nicht umgesetzt werden konnten). Caillebotte, der in seinem Werk zentral die Wahrnehmung des modernen Individuums thematisiert, greift damit seiner Zeit weit voraus, denn vergleichbare fotografische Ansätze finden sich in der Fotografie selbst erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Links ein Foto von Gustave Caillebotte und Bergère auf der Place du Carrousel, Februar 1892, aufgenommen von seinem Bruder Martial Caillebotte.

1 Kommentare

  1. Ich wusste gar nicht, dass es aus der Zeit solche Avantgardistischen Fotografien gab – meist kennt man ja nur recht konventionelle Fografie aus dem 19. Jhd.
    Was allerdings spannend an diesem Menschen ist, ist wohl seine Biografie als Segler und Künstler. Damals durfte man ja teils in unterschiedlichsten Disziplinen als Experte gelten. Heute wundern sich die Leute, wenn sie hören, dass auch nur Mick Jagger Wirtschaft studiert hat oder Henry Littig neben der Rennfahrerei auch Börsencrack ist.

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