Erika Bialowons und Roger Richter in Wiesbaden

Rede zur Ausstellungseröffnung von Roger Richter und Erika Bialowons am 14. September 2007 im Rahmen der Wiesbadener Fototage

Als Fotoexpertin begegne ich vielen Fotografen, befasse mich mit Fotografien und halte mich auch für technisch aufgeschlossen. Trotzdem kommt es mir immer noch extrem surreal vor, dass Menschen Telefone benutzen, um Fotos zu machen.

Mitte der Zwanzigerjahre schrieb Lazlo Moholy-Nagy, ein Künstler, der im Zusammenhang mit dem Bauhaus und dem Neuen Sehen bekannt ist: „Nicht der Schriftunkundige, sondern der Fotografieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“.

Gewissermaßen hat sich diese Prophezeiung erfüllt, denn fast jeder kann nahezu jederzeit ein Foto machen und versenden. Der technische Fortschritt hat jedoch zu einer rasanten Entwertung traditioneller fotografischer Genres geführt. Die klassische Reportagefotografie ist längst tot und die Pressefotografie röchelt vernehmlich seit ihr jedermann als „Bild-Reporter“ Konkurrenz macht. Immer mehr Magazine werden gefüllt mit billigen Amateurbildern und schlechten Paparazzifotos von Prominenten.

Um sich gegen die Massenproduktion abzusetzen, müssen Fotografen heute und in Zukunft mehr Talent haben, sich mehr anstrengen und ihr Handwerk perfekt beherrschen. Sie kennen ja wahrscheinlich alle den Mythos der Available Light-Fotografie à la Cartier-Bresson: Leica umgehängt und mal nett durch Paris geschlendert … das war einmal. Heute ist die Lichtregie immens wichtig geworden. Vom Fotografen wird erwartet, dass er die totale Kontrolle hat – drinnen und draußen. Da Fotografen sowieso Kontrollfreaks sind, kommt ihnen das ja auch irgendwie entgegen.

Um es dann in die Riege jener zu schaffen, deren Arbeiten ausgestellt werden, brauchen sie das eigentlich Entscheidende, nämlich persönliches Engagement oder ein klares visuelles Konzept – gerne auch durch beides. So entstehen Fotografien, wie wir heute die Freude haben, sie hier von Roger Richter und Erika Bialowons zu sehen.

Beide sind sehr erfolgreich in ihrem jeweiligen Bereich: Frau Bialowons erhält einen Fotopreis nach dem anderen für Ihre konzeptionellen Serien, so zum Beispiel 2005 für Memelland den 1. Preis beim „Fuji Euro Press Photo Award“ in der Kategorie Europa, oder, gerade eben, für „Dorfsein“ den 3. Platz beim Aenne-Biermann-Preis für Gegenwartsfotografie. Zudem ist sie Mutter dreier mehr oder minder erwachsener Töchter. 2002 machte sie ihr Diplom in Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Als ihre jüngste Tochter aus dem Gröbsten raus war, konnte Erika Bialowons fortsetzen, was sie vor der Familienphase begonnen hatte: Fotografie zu studieren. Kein Wunder also, dass schon Ihre ersten Arbeiten eine konzeptionelle Reife und zugleich eine visuelle Frische aufweisen, die ihr die Anerkennungen nur so zufliegen lassen.

Herr Richter ist mit Anfang 40 ein überaus gefragter kommerziell arbeitender Fotograf mit Wohnung in Wiesbaden und Studio in Mainz-Kastel, kann aber, das ist mir wichtig zu betonen, für freie Arbeiten auf eine eher künstlerisch geprägte Ausbildung bei Hans Puttnies an der Hochschule Darmstadt zurückgreifen.

Kurz gesagt: Die Ansprüche an die zeitgenössische Fotografie sind immens gestiegen und wir haben hier zwei fotografische Positionen, die das nicht besser belegen könnten. Auch wenn sie zunächst sehr unterschiedlich erscheinen – hier klassische dokumentarische Fotografie, dort der künstlerisch konzeptionelle Ansatz.

Ich erlaube mir, gegen jede Konvention und Höflichkeit, mit Roger Richter zu beginnen, denn an seinen Arbeiten kann man geradezu paradigmatisch zeigen, wie hoch ästhetisch eine durchaus politische Fotografie heute sein sollte. Und ich möchte dadurch verdeutlichen, dass die beiden hier gezeigten fotografischen Positionen einander näher sind, als es zunächst den Anschein hat.

Roger Richter gehört zu der sehr kleinen Gruppe Fotografen, die mehr Arbeit haben, als sie eigentlich bewältigen können, und im Prinzip mal dringend Urlaub bräuchte.

Doch in der Zeit, in der er am Strand liegen sollte, fotografiert er für die Andheri-Hilfe in Bangladesh und Pakistan. Um was es bei der Andheri-Hilfe geht und wo sie aktiv wird, wird Ihnen gleich die Gründerin persönlich, Frau Rosi Gollmann, erläutern. Ich bleibe bei den Fotos. Roger Richter gelingt es, Situationen und Umstände in ein Bild zu konzentrieren, das uns anspricht und bewegt. Und er begegnet den Menschen, die er vor der Kamera hat, nicht nur mit Achtung, er schafft es auch, sie so zu zeigen, dass sie Würde ausstrahlen.

Wie macht er das? Mit seiner Persönlichkeit selbstverständlich, aber auch mit seiner Erfahrung als Fotograf, der weiß, dass eine unmerkbare Licht- und Personenregie unverzichtbar ist. Ein Beispiel: Natürlich hat er beobachtet, wie der kleine Junge mit den abgegriffenen Karten gespielt hat, aber dass der Junge die Karte mit dem Tiger in die Kamera hält, ist durchaus gewollt und kein Zufall.

Ohne Aufheller und visuelles Konzept an so ein Projekt heranzugehen, wäre in der Tat unprofessionell und würde den Ansprüchen, die wir heute an Fotografie haben, gar nicht genügen.

Ins Reich der Legenden kann man übrigens die Vorstellung verweisen, das sei bei beeindruckenden Fotografien je anders gewesen. Schon Walker Evans, der in den 30erjahren mit seinen Fotos von armen Farmern in den USA berühmt wurde, wählte mit Bedacht den Terminus „dokumentarischer Stil“ statt von dokumentarischen Fotos zu sprechen.

Trotzdem braucht auch der beste Fotograf immer wieder das Glück, ein Bild zu finden. Und hin und wieder passiert ein kleines Wunder. Eine junge Mutter bringt ihr fieberndes Baby in die Klinik für Kinder unter fünf Jahre in Kataehara, Bangladesch. Für Zaheda grenzt es an ein Wunder, dass mitten in der Einöde ein einheimischer Arzt, unterstützt von der Andheri-Hilfe, eine Klinik einrichten konnte, und es nun eine reelle Chance gibt, dass ihr Baby überleben wird.

roger-richter-zaheda

Und für Roger Richter ist es eine wunderbare Begegnung, ein Geschenk, das Fotografen nicht alle Tage zuteil wird. Er sieht diese angstvoll blickende Frau mit dem in ihren Armen ruhenden Baby. Und es wird das Mutter-Kind-Bild schlechthin: abendländische Bildtradition verkörpert von einer auf dem indischen Subkontinent lebenden Muslima.

Roger Richters zeitgemäße Bildsprache wurzelt tatsächlich tief im Humanismus und der visuellen Tradition der dokumentarischen Fotografie. Geradezu unvermeidlich fällt dem Fotografiekundigen dazu das berühmteste Bild der dokumentarischen Fotografie, die „Migrant Mother“ von Dorothea Lange ein.

Die ideale Überleitung zur aus Hamburg eigens angereisten Fotografin Erika Bialowons, denn die vertriebene Mutter ist das Thema ihrer konzeptioneller Arbeit „Memelland“.

Memelland. Sagt uns das etwas? Mir erscheint es fast noch exotischer als Bangladesch und Pakistan. Als Klein-Litauen wird das Gebiet heute bezeichnet, das am äußersten Rand Ostpreußens im zweiten Weltkrieg von den Russen besetzt wurde. 1944 war auch Erikas Mutter auf der Flucht vor der Roten Armee und kam so nach Norddeutschland, wo sie in der Nähe von Cuxhaven in den 50ern Erika auf die Welt brachte.

Die Fotografin zeigt uns in Ihrer Serie „Memelland“ Bilder von Sehnsucht, die Vertreibung aus dem Vaterland, das für Erika Bialowons ganz offenbar das „Mutterland“ war. Die Mutter war jedoch lange tot als die Fotografin mit dem Projekt begann. Geblieben waren ihre Erzählungen, die Bilder, die Erika dabei vor sich sah, und der Impuls, dorthin zu reisen, wo die Mutter ihre Kindheit verbracht hatte. Sicher war es auch der Wunsch, diesem gelebten und vergangenen Leben einen Ausdruck zu verleihen.

Erika Bialowons fand Orte, die den Beschreibungen zu entsprechen schienen oder aber den Gefühlen, die sie mit den Erzählungen der Mutter verbindet. Sie fand die Bilder jedoch nicht in der äußeren Realität, sondern in sich. Inszeniert werden sie mit Hilfe ihrer drei Töchter Sara, Theresa und Debora, die in den Fotoarbeiten sich selbst ebenso repräsentieren, wie die beiden vorherigen Generationen. „Meine Absicht war es“, sagt Erika Bialowons, „die Kindheit meiner Mutter, meine eigene und die meiner Kinder zusammen zu führen.“

Diese wunderschönen Fotografien, die zugleich sehr zeitgenössisch und sehr aus der Zeit gefallen aussehen, verkörpern Emotionen, persönliche biografische Aspekte, haben aber durchaus auch politische Konnotationen.

Die Arbeiten von Roger Richter und Erika Bialowons sind also gar nicht so gegensätzlich wie es zunächst scheinen mag. Beide wissen, dass es am Fotografen liegt, was auf dem Bild zu sehen ist, und verlassen sich nicht auf den Zufall. Beide haben Aufnahmen geschaffen, die uns berühren. Ist das nicht das Höchste, was man von Fotografien sagen kann?

Ich finde schon, deshalb wünsche ich Ihnen die Muße, diese großartigen Arbeiten auf sich wirken und sich von ihnen anrühren zu lassen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.