Fotografieren macht glücklich, auch ohne viel Geld

Wer dieses erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bescheiden ausklingen lässt, liegt durchaus im Trend. Als Selbstständige bekommen es Fotografen frühzeitig zu spüren: Die fetten Jahre sind endgültig vorbei. Auch wer als Hobbyfotograf keine neue Kamera unter dem Weihnachtsbaum liegen hat, sollte sich nicht grämen, sondern sich für das kommende Jahr darauf konzentrieren, interessantere statt technisch aufwändigere Fotos zu machen.
Je weniger frei verfügbare finanzielle Mittel man besitzt, desto mehr muss man sich überlegen, was wirklich Lebensqualität bedeutet. Bei diesen Überlegungen hilft ungemein „Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens: Wie man ohne Geld reich wird„, bereits 2005 erschienen und ein Bestseller. Ich las es kürzlich erst, dafür mit doppeltem Vergnügen: Es ist so informativ wie unterhaltsam, vor allem aber fügt es einigen Gedanken, die ich mir beim Schreiben von „Wie man ein großartiger Fotograf wird“ machte, weiterführende Aspekte hinzu. Was hat der Ex-Chefredakteur von Park Avenue, Ex-Redakteur von Vanity Fair und jetzige (große Güte) Adelsexperte der Bild-Zeitung mit 500jähriger Familienerfahrung im Verarmen mit Fotografie zu tun?

Fotografie erlaubt es, neue Erfahrungen zu machen

Er hat damit nichts zu tun, aber die Fotografie ist, wie ich nicht müde werde zu behaupten, das Leben. Und das Leben Alexander von Schönburgs ist ziemlich kontrastreich. Etwas sehr verkürzt gesagt, hat er superreiche Freunde und Schwestern, ist aber selbst als Journalist von Arbeitslosigkeit und schwindenden beruflichen Chancen bedroht. Und alle Welt bekommt das live und in Farbe mit. Da möchte man nicht tauschen. Jedoch: Als Journalist wie als Adeliger in die verschiedenen Lebenswelten eintauchen zu können, ist sein großes Privileg, darüber humorvoll, selbstironisch und mit ausgeprägtem Hang zur historischen Relativierung zu schreiben, eine wunderbare Qualität.
Allen hartzenden Fotografen in Berlin und allen, die nicht mehr so viel verdienen wie früher, empfehle ich es als Trostbuch. Mit dieser Situation sind Fotografen nicht alleine, es trifft die ganze Gesellschaft. Menschen über ihr Einkommen und ihren Beruf einzuordnen („Was tun Sie beruflich?“) wirkt gedankenlos und wird diffamierend, wenn Arbeit nicht mehr selbstverständlich ist. Also jetzt. Alle, die fotografieren, haben potenziell etwas dagegen zu setzen: Nicht Geld verdienen mit Fotografie, sondern das freie Fotoprojekt als wunderbare und befriedigende Möglichkeit, dem Leben eine Struktur zu geben, in Kontakt zu anderen zu kommen, etwas umzusetzen, das Sinn hat und bei dem man über sich selbst hinauswachsen kann. Alles das sind Erfahrungen, die oftmals im angestammten Beruf versagt bleiben.

Testberichte zu lesen ist ein preiswertes Vergnügen

Und aus gegebenem jahreszeitlichen Anlass stellt sich zugleich die Frage: Wie glücklich macht es mich, das neueste Modell der Kamera zu besitzen, die ich mir gerade noch leisten kann? Die Hirnforschung hat längst nachgewiesen, dass Konsum überhaupt nicht glücklich macht. Der Philosoph Ernst Bloch wusste das. „Seine Theorie von der ‚Melancholie des Erreichten’ besagte schon lange vor den Experimenten der Hirnforschung, dass Wünsche und Sehnsüchte stets an der Schwelle zur Erfüllung sterben. Allein das ist ja schon eine Erkenntnis“, schreibt Alexander von Schönburg, „die einem sehr viel Geld sparen kann, wenn man sie verinnerlicht. Klar will man einen iPod oder die allerneueste Digitalkamera haben. Aber wenn man sie hat, fühlt man sich nicht besser als zuvor. Also kann man auch gleich ganz darauf verzichten.“ (S. 170-171) Das Vergnügen, Prospekte zu wälzen und Testberichte zu lesen, endet ja schlagartig mit dem Erwerb der Traumkamera. Und wenn sie zudem ein „Schnäppchen“ war, kann man sicher sein, dass kurz darauf das neue, wesentlich verbesserte Modell auf den Markt kommt. Die super getestete Kamera ist veraltet, bevor der stolze Besitzer die 4 GB-Karte zum ersten Mal vollgeknipst hat. Und im kommenden September findet wieder die photokina statt!
Der Besitz einer neuen Kamera bewirkt noch gar nichts. Auch bringt es wenig, „die Ausrüstung zu vervollständigen“, weil man allerorts hört und liest, man brauche Weitwinkel-, Normal-, und Teleobjektiv, dazu den Systemblitz und fragmichwas, obwohl man schon weiß, dass man nie mehr als „Testaufnahmen“ mit dem Tele machen wird. Für das bisschen, was man fotografiert, nimmt Mann weiterhin die Digicam mit Programmautomatik, die er letztes Jahr Weihnachten seiner Frau geschenkt hat. Und wer vernünftig oder arbeitslos wird, verkauft das nie benutzte Objektiv dann nächstes Jahr auf Ebay.

Kosten für die Profi-Ausrüstung sind entweder Betriebsausgaben oder überflüssig

Lust statt Frust gibt es nur, wenn man zuerst einen Plan fasst, was man in der nächsten Zeit fotografieren will und sich dann die eventuell fehlenden Gerätschaften zulegt. Das kann zu ganz anderen Ergebnissen führen: Dachte man zunächst, es fehle ein Makro, kommt man bei näherer Überlegung womöglich auf die Idee, dass man den zu Tausenden existierenden, belanglosen Insekten- und Blümchenfotos nicht noch weitere Tausend hinzufügen muss, sondern es spannender wäre, seinen Schulfreund/Sohn/Enkel beim Snowboarden oder Mountainbiken zu fotografieren oder zu filmen. Vielleicht sogar im Dunkeln, also nach 17 Uhr. Braucht man dazu eine Vollformatsenorkamera mit Filmfunktion in Full HD und eine Lichtanlage mit Porty? Wenn man professioneller Fotograf ist und damit seinen Lebensunterhalt bestreitet, auf jeden Fall. Für den Hobbyisten, der die Fotos meist nicht einmal ausdruckt, und auch keinen vierstelligen Tagessatz für die Aktion abrechnen kann, würde es reichlich übermontiert wirken.
In der Realität ist es keineswegs so, dass sich der Hobbyist sagt: „Was soll ich mit dem Profigerät, ich verkaufe meine Fotos ohnehin nicht“, sondern er sich die teure Ausrüstung in aller Ausführlichkeit zulegt, und nun unter dem innerlichen, oft auch äußerlichen Druck steht, die Kosten wieder einzuspielen. Seine Hobbyfotos zu Geld machen funktioniert aber nicht – genauso wenig wie schlank im Schlaf zu werden. Ohne ernsthafte Arbeit kann man auch mit Fotografie kein Geld verdienen.
Fotografieren als Hobby sollte in erster Linie Spaß machen und nicht am Geld scheitern. Besser fühlt man sich nicht mit einer neueren Ausrüstung, sondern mit interessanteren, aussagekräftigen Fotos. In „Wie man ein großartiger Fotograf wird“ (nicht mehr lieferbar) steht, wie man sie macht.

Nachtrag: Ich empfehle meine Nachfolgewerke „Fotografie mit Leidenschaft“ und „Fotopraxis mit Perspektive“. 

12 Kommentare

  1. Pingback: Neujahrsansprache zum Thema Fotografie : studio-blog

  2. Pingback: Tweets die Fotofeinkost » Blog Archive » Fotografieren macht glücklich, auch ohne viel Geld erwähnt -- Topsy.com

  3. Danke für diesen Beitrag, die klaren Worte und den Anstoss, innezuhalten, nachzudenken und sich zu besinnen.

    Frohe Weihnachten und ein paar tolle Feiertage

    LG Alex

  4. Pingback: Stille Nacht ... » Bildwerk3

  5. Passender Artikel zum Weihnachtskaufwahn, dem ich inhaltlich absolut zustimmen kann. Viele arbeiten wie die Bekloppten um mit dem Geld dann konsumieren zu können. Und viele merken erst zu spät, dass der neue 50Zoll-LCD-Fernseher oder das iPhone nicht wirlich glücklich machen und das Leben nicht wirklich bereichern. Und die neue Kamera hat zwar den besseren Autofokus und den hochauflösenderen Sensor, aber die in der Praxis geschossenen Bilder sind irgendwie doch nicht besser als bei der alten Kamera.

    Natürlich löst bei mir als Hobbyfotograf das neueste Kameramodell auch regelmäßig einen Haben-Wollen-Reflex aus. Aber ich frage mich dann immer, woran ich mich wohl erinnern würde, wenn ich in 30-40 Jahren an das aktuelle Jahr zurück denke? Werde ich mich dann erinnern, ob ich 2009 einen großen 50Zoll-LCD-Fernseher oder eine Canon 7D statt einer 40D hatte? Sehr wahrscheinlich nicht. Erinnern werde ich mich wohl vor allem an Erlebnisse mit meinem kleinen Sohn und an Erlebnisse auf Reisen durch Afrika. Und dann habe ich für mich die ganz ganz wenigen Bereiche identifiziert, in denen man durch Geld (ausgeben) das Leben tatsächlich bereichern kann.

  6. Peter Lechner

    Erst einmal herzlichen Dank für die prompte Lieferung Ihres Buches. Dienstag Abend bestellt und Donnerstag Morgen(24.12.) im Briefkasten!
    Dieses Buch hat mir Mut gemacht, mit dem wirklichen Fotografieren wieder zu beginnen. Bei meiner persönlichen Rückblende fiel mir auf, dass ich viel mehr Projekte, vor allem kleinere, realisiert habe als bisher gedacht. Und das Entscheidende war, dass ich viel zufriedener war als wenn ich so im Vorbeigehen ohne klares Ziel ein Foto und irgendwann noch eins und noch eins geschossen habe und das 36-Mal. Meine Arbeitsweise ist analog fotografieren und digital bearbeiten. Auch für die Realisierung von Projekten halte ich meine Ausrüstung meist sehr klein. Zwei Objektive reichen in der Regel. Manchmal verwende ich auch nur meine zweiäugige Rolleiflex – fotografieren ohne viel Ballast, wunderbar.
    Ich bin auf ihr Buch durch einen Artikel in FineArtPrinter gestoßen, der mich animiert hat auf Ihre Webseite zu gehen. Ich glaube, dass ich das Buch in einer Buchhandlung übersehen hätte – und das liegt leider am Einband. Der Titel ist für mich kaum lesbar. Alles Ton in Ton. Es fehlt der ins Auge springende Kontrast.
    Dennoch: Der Inhalt ist sehr lesens- und bedenkenswert und animiert dazu,
    das eigene Fotografieren unter einem neuen Blickwinkel zu sehen und einen neuen Anfang zu finden.

  7. Pingback: Fotografieren ohne viel Geld | jakuuub bloggt.

  8. Vielen Dank für diesen herrlich geschriebenen Beitrag. Mit leichtem Florett gefochten und trotzdem direkt ins Herz (des Problems – so ein Problem ein solches besitzt – man verzeihe mir diese weithergeholte Metaphorik) getroffen.

  9. Vielen Dank für die rasche Lieferung Ihres Buches.Dieses Buch hat mich wieder auf vieles aufmerksam gemacht, und wieder dazu motiviert mehr zu fotografieren, aber nicht ohne vorher nachzudenken was. Die Werbung und die vielen technischen Möglichkeiten machen leider sehr oft die Kreativität kaputt. Es zählt immer nur das Bild und die Sichtweise….vorher-nachher

  10. Eaglerider

    Jetzt lasst doch dem Mann sein Spielzeug! Es ist ja nun wissenschaftlich durch tausendundeine Langzeitstudie nachgewiesen, dass der Mann als solcher gerne Technik um sich hat und dabei darf es gerne auch etwas mehr sein: Der selbst reinigende Rasierer, der superultramoderne Kaffeemaschinenespressomilchkochautomat, der überdimensionierte Rasenmäher, etc. etc. Mann braucht das eben! Außerdem machts Spass mit gutem Werkzeug zu arbeiten. Das Ganze fühlt sich dann wertiger an. Ob das Bild dem dann auch entspricht, ist doch eigentlich für den solcherart geratenen Hobbyisten (fast) egal;-)

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