Kirill Golovchenko: 7 km

Das Feld der Wunder

Das Feld der Wunder

Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt man, und auf Kirill Golovchenko und sein Fotoprojekt „7 km – Feld der Wunder“ trifft das ganz gewiss zu. Die Regel ist: Hobbyfotografen lichten Märkte unter südlicher Sonne ab. Die Fotos sind meist distanziert und nichts sagend. Kirill Golovchenko aber fotografiert den größten Markt Europas 7 km von Odessa, seiner Geburtsstadt, entfernt. Und auch nicht nur einmal, sondern über einen längeren Zeitraum und auch nicht einfach so, sondern als Auswuchs unserer Konsumgesellschaft oder anders gesagt: Er sah und fotografierte diesen Marktplatz als Phänomen und hat dazu seine Recherchen angestellt. Und wenn man schon auf dem Feld der Wunder fotografiert, dann passiert es auch: Der Fotograf erhielt den Förderpreis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot-Stiftung. Die Stiftung Kunstfonds und die VG-Bild-Kunst förderten das Erscheinen des Projektes als Buch, zu dem der Fotograf nicht nur die Texte schrieb, sondern auch Gestaltung und Satz selbst besorgte. Das ist nun ausnahmsweise kein Wunder, denn Kommunikationsdesign hat er in Darmstadt studiert. Definitiv bewundernswert sind der Elan und der Ehrgeiz, mit dem Kirill Golovchenko die Arbeit an freien Projekten vorantreibt – derzeit entsteht die Serie „Der ukrainische Durchbruch“ – und die guten Texte, die er schreibt, tragen sicherlich ein Stück zu dem Erfolg bei.

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»7 km«, so heißt mein Buch. Der Titel spielt auf die Entfernung zu einem riesigen Areal, dem »Feld der Wunder«, vor den Toren der Stadt an, auf dem 16.000 Container auf einer Fläche von etwa 700.000 qm auf dem ehemaligen Gelände einer Müllverbrennungsanlage stehen. Damit ist dieser Marktplatz doppelt so groß wie die »Mall of America« und zehnmal so groß wie das »Centro« in Oberhausen. Der Unterschied könnte allerdings nicht größer sein, denn entgegen seiner westlichen »Vorbilder« ist das »Feld der Wunder« kein Einkaufparadies für den shoppenden Konsumenten. Hier wird sehr hart gearbeitet, Käufer und Verkäufer handeln vor allem mit Kleidung, dem sichtbarsten Statussymbol für die Menschen. Dass für diese Kleidung auch die Labels der Luxusmarken D&G, Boss, Reebok u.a. gehandelt werden, zeigt die Art des Massenkonsums im ehemaligen Osten. Das lässt sich natürlich noch ergänzen: 200.000 Einkäufer treffen jeden Tag auf 20.000 Verkäufer, 10.000 Träger schleppen die Warenpakete durch die Containergassen. 70 und 80 Stunden Arbeitszeit sind die Regel, denn bis zu 7.000 Dollar kostet ein Container im Monat Miete. Zwei übereinander gestellte Container kaufen darf nur, wer 400.000 Dollar cash auf den Tisch legen kann. Der geschätzte Tagesumsatz des ganzen Marktes liegt bei 20 Millionen Dollar. Ganz sicher ist dieser Markt der größte seiner Art in den ehemaligen Sowjetrepubliken.

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Der Verkäufer sitzt auf einem Stapel Schuhkartons, der gleich verladen wird.

Ich bin froh, dass sich der Snoeck Verlag in Köln der Veröffentlichung meiner Arbeit angenommen hat. … Dem Verleger hat an diesem Projekt vor allem gefallen, dass sich hier die Vorstellungen des Westens vom Osten so deutlich widerspiegeln, und dass die Bilder in gewisser Weise auch einen Grund für die diffuse Angst des Westens vor dem Osten zeigen.

Wenn im Westen von meiner Heimatstadt Odessa, in der ich 1974 geboren bin, die Rede ist, dann immer von der lieblichen Schwarzmeerküste oder von Isaak Babel. Dass es natürlich auch eine andere, weniger romantisch gestimmte Ansicht, zumal des postsowjetischen Alltags gibt, liegt auf der Hand. In diesem Sinn ist mein Thema ideal. Es bedient allerdings nicht die Klischees des Wodka trinkenden Proleten, des heruntergekommenen Homo sovieticus, gibt aber doch, wie ich glaube, sehr genau einen Einblick in den derzeitigen Zustand der postsowjetischen Gesellschaft der Ukraine.

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1996 bin ich für ein Fremdsprachenstudium aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, meine Liebe aber galt stets der Fotografie. Als ich dann bei Barbara Klemm in Darmstadt an der Hochschule Fotografie studieren konnte, habe ich das Thema, das mich seit meiner Kindheit begleitet, im Rahmen eines Arbeitsstipendiums angehen können.

Kirill Golovchenko lebt und arbeitet als Fotograf in Mainz und Odessa.

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6 Kommentare

  1. Christian Deysson

    Simply phantastic! Photography at its best!

    • Das ist wahr. In Mainz hat er Fremdsprachen studiert, dann in Darmstadt Kommunikationsdesign. Ich ändere das jetzt im Text. Danke für den Hinweis!

  2. Danke für den Hinweis auf dieses spannende Projekt!

    Aber warum die Einleitung mit Hobbyfotografen? Jemand der Fotografie studiert hat und als Fotograf arbeitet ist doch kein Amateur, oder?

    • Märkte sind ein beliebtes Terrain, um zu fotografieren, speziell für Hobbyfotografen, speziell für unbemerkte Fotos mit langen Brennweiten. In meinem gerade erschienen Buch „Wie man ein großartiger Fotograf wird“ „warne“ ich geradezu vor Märkten zur Motivsuche. Darauf bezieht sich indirekt die Einleitung. Die Ausnahme von der Regel ist, wenn sich ein künstlerischer Fotograf der Sache annimmt: Kirill Golovchenkos Arbeit und Buch zeigen, wie man es richtig macht.

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