Nico Baumgarten: Leer

Nico Baumgarten möchte, dass Sie sein handgearbeitetes Buch vorbestellen. Ich möchte Sie ermutigen, sich auf Themen und Motive in Ihrer Umgebung zu konzentrieren – oder jedenfalls dort, wo Sie sich länger aufhalten, ohne zwingend eben dort „wohnhaft“ zu sein. Ein Wort, das sich gut mit dem verbindet, was Nico Baumgarten fotografiert hat: Die Normalität in einer deutschen Stadt, der Traum vom eigenen Haus, die Uniformität der Wünsche. Er arbeitete im Rahmen des internationalen „Middle Town Project“, an dem insgesamt zwölf Fotografen beteiligt waren. Der 1981 in Norddeutschland geborene Fotograf suchte sich Leer in Ostfriesland aus, auch, weil er dort jemanden kannte, bei dem er wohnen konnte. Darauf, wie Menschen leben und sich ihre Umgebung gestalten, ist er neugierig. Nach dem Abitur verließ er das norddeutsche Flachland und ging in den Süden – bis nach Rio de Janeiro.

„Während meines Studiums der Sozialgeografie der Entwicklungsländer an den Universitäten Tübingen und Rio de Janeiro (Brasilien) entschied ich, dass ich die Welt nicht länger aus der Perspektive eines Akademikers betrachten will. Ich studierte daraufhin Fotografie am IDEP in Barcelona. Nach wie vor sehe ich mich als Geographen an, allerdings als einen, der eine Kamera als sein Hauptwerkzeug benutzt, um sich kritisch mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen.“ In Mailand lernte er die Buchbinderei. 2011 erschien sein erstes handgefertigtes Buch „Berlusconians / No Berlusconians“. Derzeit lebt Nico Baumgarten in einem alternativen Wohnprojekt in der Nähe von Amsterdam (was die höheren Portokosten seines neuen Buches erklärt). Das Buch „Leer“ ist auch aus dem Impuls entstanden, den Kontrast zur eigenen Lebensweise zu erfahren und sich zu versichern, selbst andere Vorstellungen von der Zukunft zu hegen als die Raten eines Einfamilienhauses abzuzahlen. Nico Baumgarten betont das Gleichartige, die Schablonenhaftigkeit der Lebensentwürfe. Als jemand, der viel im Ausland lebt, mag ihm besonders ins Auge fallen, was man für „typisch deutsch“ halten kann.

Bis zum 20. November 2012 läuft die Vorbestellfrist für die ersten 40 von 150 Exemplaren des kleinen, dicken Bandes (220 Seiten!). Stück für Stück Handarbeit. Wann bekommt man in Zeiten des Digitalprints noch etwas, das der junge, aufstrebende Künstler handgemacht hat? Für deutlich unter 50 Euro! Und bei allem hat sich Nico Baumgarten etwas gedacht. Auch beim offenen Buchrücken und der Wellpappe für das Cover, die am sichtbaren Schnittrand an die Backsteine der fotografierten Einfamilienhäuser erinnert.  Sehen Sie selbst:

Der Hinweis auf das im Entstehen begriffene Buchobjekt von Nico Baumgarten ist der erste Beitrag in der Rubrik „Lokalkolorit“. In meinem vor kurzem erschienenen Buch „Fotografie mit Leidenschaft“ berichte ich von Walker Evans und seiner Liebe zum „American vernacular“, wobei „vernacular“ mit „einheimisch“, „mundartlich“ übersetzt wird, und im Falle von Walker Evans alle lokal typischen, oft individuellen Ausprägungen einschließt, wie zum Beispiel handgemalte Schilder. Ich verwende dafür den wenig benutzten deutschen Ausdruck „Lokalkolorit“ – das Spezielle eines Ortes, seine Atmosphäre und seine Menschen. In loser Folge werde ich Fotografinnen und Fotografen vorstellen, die sich auf einen Ort (irgendwo auf der Welt) eingelassen und ihn porträtiert haben. Als Inspirationsquelle für Sie – hinsichtlich der Bildsprache, der Intensität des Arbeit und ihrer Präsentation, so sie denn so speziell ist wie in diesem Fall.

1 Kommentare

  1. Für amerikanischen Lokalkolorit scheint sich irgendwie jeder zu interessieren, da haben es nicht-amerikanische Fotografen viel schwerer, über die Landesgrenzen hinaus (und sogar innerhalb der Landesgrenzen) wahrgenommen zu werden.

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