PhotoEspana 2016: Europas

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Shirley Baker-Ausstellung im Museo Cerralbo

Vom 1. Juni bis zum 28. August sind im Rahmen der PhotoEspaña 94 Ausstellungen an 52 Orten – hauptsächlich in Madrid – zu sehen, an denen 330 Künstler beteiligt sind. Die Klammer bildet die Vision von Europa, die recht divers sein kann, daher wählten die Veranstalter den Plural. Es ist aber nicht die numerische Größe, sondern die Qualität der Ausstellungen und Räumlichkeiten, die Madrid so attraktiv macht. Da findet sich eine kleine Ausstellung versteckt in einem riesigen Museum – die Afal Fotogruppe (1956-1963) im Museo National Reina Sofia – und große Übersichtsschauen wie die über das Porträt in Europa seit 1990 oder jene über die Fotografie der Achtzigerjahre in modernen Räumen innerhalb von monumentalen historischen Bauwerken. Man kann die Arbeit des litauischen Fotografen Maris Maskalans entdecken, der ein ganzes Dorf porträtierte – und sozusagen im Hinterzimmer liegen die Originalplatten der Radierungen von Goya. Das gibt es nur in Madrid.

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Maris Maskalans fotografierte alle Bewohner des Ortes Nagli in Litauen – fast alle. Ausstellung in der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando.

Auch wenn die Veranstaltung nun schon im neunzehnten Jahr stattfindet, gibt es laut Direktorin Maria Garcia Yelo immer noch genügend Schulden zu begleichen. Soll heißen, Fotografen vorzustellen, die bisher kaum oder gar nicht gewürdigt wurden. Allen voran sind das Fotografinnen. Und eben dies ist auch so speziell in Madrid: Hier gibt es große Einzelausstellungen in einer Dichte, wie man sie sonst kaum finden mag. Die Retrospektive der Modefotografin Louise Dahl-Wolfe ist beispielsweise die erste außerhalb der USA und geht von hier aus weiter nach Montpellier.
Lucia Moholys Bauhaus-Fotografien sind im Souterrain des historischen Loewe-Ladens auf Madrids Prachtstraße Gran Via zu sehen. Sie kommen aus der Sammlung der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Eine tolle Entdeckung kann man mit „Women, Children and Loitering Men“ im Museo Cerralbo machen. Anna Douglas kuratierte die Ausstellung mit Arbeiten von Shirley Baker (1932-2014), die über zwanzig Nachkriegsjahre das Straßenleben in Manchester fotografierte in einem zum Abriss bestimmten Viertel. Die Ausstellung lief im letzten Jahr erfolgreich in London.
Die erste spanische Fotojournalistin Juana Biarnés wird mit einer Ausstellung wiederentdeckt. Sie schaffte es, in das Flugzeug und das Hotel der Beatles für exklusive Fotos zu kommen, sie fotografierte die wilden Sechziger und Siebziger. Dann eröffnete sie mit ihrem Mann ein Restaurant auf Ibiza.

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Erst hinter der Kamera, dann hinter dem Herd eines Restaurants auf Ibiza: Juana Biarnes.

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Cristina de Middel posiert mit neuer Handtasche in ihrer Ausstellung.

Die aktuell bekannteste spanische Fotografin stellt mit Biarnés im Städtischen Kulturzentrum aus, Cristina de Middel. Sie ist diejenige, die nicht Nein sagen kann. Den Hype um sie der letzten Jahren reflektiert sie in der Ausstellung „Muchismo“.
Wenige Exponate in riesiger Halle im Botanischen Garten kommen von der 1974 in Madrid geborenen Künstlerin Linarejos Moreno.
Dies nur als erster Überblick. Eine Ausstellung über die Donau, an der nur Fotografinnen beteiligt sind, werde ich gesondert vorstellen.

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Im Vordergrund ein Exemplar von Blossfelds „Urformen der Kunst“, im Hintergrund die Arbeiten von Linarejos Moreno.

Vorschaubild: Plaza Mayor in Madrid. Alle Fotos Martina Mettner