Ralf Peters: Until Today

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1998 las ich einen Artikel über jemanden, der nachts Tankstellen ablichtete und ihnen dann am Rechner alle Logos und die Schrift wegoperierte. Die Tanke als nächtliche Leuchtboje am Rande der Großstadt hat etwas unmittelbar Einleuchtendes und die Art der Bildbearbeitung war überzeugend. Vor zwölf Jahren war es dennoch unerhört, und das Großartige ist: Es sieht heute noch genau so genial aus wie damals. Oft habe ich davon erzählt, aber leider nie mehr über den Künstler erfahren, der in der Nähe von Hamburg lebt. Nun ist endlich, passend zum 50. Geburtstag, ein umfänglicher Bildband bei Hatje Cantz erschienen, eine Retrospektive fotografischer Arbeiten bis heute, oder, wie es korrekt heißt: Until Today (212 Seiten, 39,80 Euro).

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Kein Wunder, dass ich lange nichts gefunden habe, denn Ralf Peters ist überhaupt kein Fotograf. Er hat Kunst studiert, bei Jörg Immendorff, der wie Peters aus Lüneburg stammt, gemalt, wandte sich aber bald der Bildhauerei, speziell der Raumskulptur zu. Der Wunsch, virtuelle Räume zu konstruieren, führte ihn zur Fotografie als Mittel und Möglichkeit der Darstellung. Nun ist Fotografie bekanntermaßen zweidimensional und somit das Gegenteil von plastisch. Gerade das aber scheint für Ralf Peters die besondere Herausforderung zu sein. Sein im Buch „Until Today“ gezeigtes Spektrum an dem, was man oberflächlich unter „Fotografien“ subsumiert, sind Auseinandersetzungen mit Raum im Sinne von Lebensraum und Erfahrungshorizont. „Wir nehmen uns so absolut“, sagt er, „und sind als Menschen doch nur eine Episode im Weltgeschehen.“ Bei ihm ist die Welle, die an den makellosen Strand schlägt, radikal rechts und links abgeschnitten, dafür geht bei dieser „Skyline“ das Format mächtig in die Höhe, ganz weiß, eigentlich ist da endlos gar nichts. Im Buch wird dieses Nichts durch die Drucklackierung des Papiers angedeutet und begrenzt. (Im Web wäre es gar nicht darstellbar.) Der Buchtitel zeigt ein Skyline-Motiv in schwarz, man muss es sich zum Panoramaformat nach oben verlängert vorstellen.
Ganz konkret um Raum geht es bei „Indoor“, einer Arbeit von 2001/2002. Die Wartehalle eines Flughafens, Ton-in-Ton mit Blick auf eine Landschaft durch die Quadrate eines Panoramafensters. Von Bild zu Bild verändert sich der Raum. Erst verschwinden die Menschen, die eben noch die Aussicht knipsten, dann die Restauration am linken Bildrand, die Topfpflanzen, Stuhlreihen. Oder doch nicht? Ist es vielleicht jeweils ein anderer Raum, in den die immer gleiche Aussicht kopiert wurde? Ganz sicher ist es ein Spiel mit Raum und Wahrnehmung. Zudem vermittelt die Indoor-Sequenz sehr schön das seltsame Gefühl von Zeitlosigkeit und einem innerlichen Immer-leerer-werden, das den Reisenden auf Flughäfen überkommen kann.

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Peters scheint viel unterwegs zu sein, fotografiert Dutzende Hotelanlagen, um ein paar idealisiert-konstruierte Poollandschaften zu erzeugen. Aber niemals sind die Fotos ungeplant entstanden, immer geht eine Überlegung voraus, eine Idee, ein Gestaltungswille. Deshalb ist Ralf Peters noch lange kein Konzeptkünstler, denn dabei würde das Konzept die Ausführung mehr oder minder erübrigen. Es geht stets ums Machen, darum, die eigene Position und Arbeitsweise zu hinterfragen und neu zu konstituieren. Das Spiel mit der Wahrnehmung ist dabei nur ein Aspekt, der allerdings wird speziell im Rahmen des Bildbandes noch weiter getrieben. Keineswegs sei alles, was wie am Rechner komponiert aussieht, auch tatsächlich manipuliert, wird behauptet. Die Porträts der blonden Frauen in „Different Persons“ von 2006 sehen „unecht“ aus, sollen es aber in Wirklichkeit nicht sein. Wollen wir das dem Künstler glauben?
Die drei dem Buch beigegebenen Texte bekannter Kunsthistoriker helfen beim Verständnis nicht wirklich weiter. Dass er aus der Bildhauerei kommt, wird nirgends erwähnt. Ohne den Rückgriff auf die Skulptur und seine Beschäftigung mit Räumlichkeit erscheinen die angebotenen Interpretationen nicht wirklich aufzuschließen, was Peters anbietet. Da er ein anscheinend sehr entspannter und äußerst artikulierter Künstler ist, wäre die Wiedergabe eines Gesprächs mit ihm sicher deutlich interessanter gewesen. Davon abgesehen ist das Buch sehr gelungen. Selten bekommt man einen Bildband wie diesen in die Hand, mit dem man sich stundenlang vergnügen kann – bieten doch die Arbeiten viele Anregungen, sie untereinander zu vergleichen, abzuwägen und immer wieder genau hinzusehen. Ein besonders großes Vergnügen hält der Schluss bereit, eine etwas aus dem Rahmen des Buches fallende Arbeit mit Stofftieren zum Thema „100 Meisterwerke“ (wie die berühmte TV-Serie des WDR). Es gibt eine Reihe von Gründen, warum gerade diese Arbeit so gelungen ist, zum Beispiel jenen, dass sie das bildungsbürgerliche Kunstverständnis einerseits voraussetzt, andererseits ad absurdum führt, und das eigene Buch mit den kunsthistorischen Würdigungen gleich mit. Es ist solch ein gelungener Schlusspunkt, weil hier Ralf Peters einmal wirklich im Raum arbeitet und Skulpturen schafft, die er am Ende ablichtet. Hier gehen alle seine Stationen zusammen: die klassische Malerei, auf die er sich persiflierend bezieht; die Plastik, die er mit Teddys kreiert, und die Fotografie, durch die das alles „wahr“ wird – oder eben nur vorgetäuscht wie die goldenen Rahmen um die Meisterwerke.

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Motiv nach Jan Vermeer, Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, 1665

Ralf Peters wird vertreten von der Galerie Bernhard Knaus in Frankfurt.

3 Kommentare

  1. yeah! die tanken hatte ich auch mal vor jahren gesehen. die sind heute noch chique. :)

  2. Hallo Martina,

    deine Beschreibung hört sich wirklich spannend an und die Bilder gefallen mir auch sehr gut.
    Vorallem die Inszenierung des letzten Bildes „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ finde ich witzig.
    Die Aufnahmen bei Nacht, gefallen mir aber auch und ich bin besonders auf die Skyline Bilder gespannt.
    Ich denke da werde ich mal rein schauen.

    Danke für den Artikel!

    gruß,
    Tristan Rösler

  3. muclomo

    Bleibt nur noch anzumerken dass einige Bilder momentan im Foyer des Fotomuseums Muenchen zu sehen sind – das klingt besser als es ist – das Fotomuseum ist leider nur eine ziemlich schlaefrige Ecke im Stadtmuseum …

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