Roger Richter: The Power of Dignity

Roger Richter aus Wiesbaden studierte Fotografie bei Prof. Dr. Hans Puttnies in Darmstadt und wenn er innehält, wundert er sich selbst ein wenig, wie aus ihm ein Auftragsfotograf mit einem großen Studio werden konnte. Ein Element seines Erfolges ist sicherlich, dass er wirklich liebt, was er tut und im Handwerklichen ein Perfektionist ist. Und weil er von der Ausbildung her nicht vom Kommerz, sondern von der Kunst kommt, fallen seine freien Arbeiten denn auch wirklich beeindruckend aus. Jetzt ist im Kamphausen-Verlag ein großer zweisprachiger Band mit seinen Arbeiten unter dem Titel The Power of Dignity – Die Kraft der Würde: The Grameen Family erschienen. Das Thema sind Armut und deren Überwindung durch die Mikro-Kredite der Grameen Bank, initiiert von Friedens-Nobelpreisträger Professor Muhammad Yunus. Der schreibt in seinem Vorwort zum Buch: „Dieser wunderbare Bildband … macht die Menschen, die bis heute noch immer in Armut leben, in ihrer tief bewegenden Würde sichtbar. … Die Armen haben Namen, Pläne und ihre Erfolgsgeschichten sind erstaunlich.“

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„The Power of Dignity“ hat ein Thema; auf fotografische Aspekte wird gar nicht eingegangen. Quasi ergänzend befragte ich deshalb Roger Richter zu seiner Arbeit in Bangladesch. (Zusätzlich zu den Abbildungen der Doppelseiten gibt es hier 13 käufliche Motive zu sehen.)

Statt Urlaub zu machen, fotografieren Sie für internationale Organisationen in Asien, wo sich diese für die Überwindung von Armut, Krankheit und Analphabetentum einsetzen. Erst 2007 hatten Sie große Ausstellungen mit Arbeiten über die Andheri-Hilfe in Indien und Bangladesch, jetzt ist gerade ein opulenter Bildband mit Fotos aus Bangladesch über die Grameen Family, die Empfänger von Mikro-Krediten, erschienen. Alle, die Ihre Fotos sehen, sind beeindruckt und fragen sich: Wie macht er das? Wie entsteht beispielsweise der Kontakt zu den gemeinnützigen Organisationen oder zu Grameen für die Sie fotografieren?

Der Kontakt kam schon bei der Andheri-Hilfe über einen Bekannten, Hans Reitz, zustande. Er hatte die Idee, dieses Buch über Prof. Yunus zu machen, und hat mich als Fotograf ins Spiel gebracht.

Haben Sie die Reise selbst finanziert?

Ja, vorfinanziert. Ich arbeite ehrenamtlich, aber den Dolmetscher, das Mietauto, das Hotel sowie jemand für die Recherche muss man natürlich entlohnen, ebenso eventuelle Assistenten vor Ort. In meinem Fall assistierten zeitweise Mitarbeiter der Andheri-Hilfe, die ich vom vorigen Projekt kannte.

Das klingt nach einem ziemlich hohen finanziellen Aufwand. Was heißt da „vorfinanziert“?

Ja, zumal die Lufthansa sich als sehr unkooperativ erweist, und ich auf einer Strecke allein 990 Euro nur für Übergepäck bezahlt habe. So etwas ist ärgerlich.
Hans Reitz organisiert als Eventmanager Veranstaltungen für den Vorstand großer Unternehmen, bei denen dann die Bilder gezeigt werden, wenn Muhammad Yunus als Keyspeaker geladen ist. Das Unternehmen zahlt dafür ein Bildnutzungshonorar, das in einen Topf wandert, aus dem rückwirkend ein Teil der Reisekosten bestritten wird.

Nun waren Sie ja schon vorher für die Andheri-Hilfe in Bangladesch, und kennen die Gegebenheiten. Wie oft und wie lange waren Sie für das aktuelle Buchprojekt dort und wie sah der Zeitplan aus?

Das ganze Bildmaterial für das Buch entstand in fünf Wochen, ich war einmal zwei und einmal drei Wochen lang in Bangladesch unterwegs.
Mr. Morshed hat den Besuch organisiert, so richtig mit Exel-Tabelle und um sechs Uhr Abfahrt vom Hotel. Mit dem jeweiligen Branch-Officer von Grameen ging es dann zu einem Center-Meeting. Dort habe ich mir die Personen angeschaut, die ich gerne fotografieren wollte. Das hatte ich aus dem Andheri-Projekt gelernt, die Situation so zu organisieren, dass man selbst entscheiden kann, wen man fotografieren will.

Was passierte dann?

Häufig ging das halbe Dorf mit von Station zu Station. Zum Glück waren die Porträtierten sehr konzentriert, was auch in den Fotografien zu sehen ist. Sie haben wirklich diese Würde ausgestrahlt. Manchmal musste man sich allerdings den „Set“ wegen der vielen Begleiter freikämpfen.

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Eine besondere Qualität Ihrer Fotos ist das Licht. Hatten Sie in Bangladesch eigentlich eine Blitzanlage dabei?

Die Menschen leben in dunklen Räumen, ohne zusätzliches Licht kommt man nicht weit. Man kann nicht immer die Leute vor die Tür bitten. Aus ästhetischen Gründen kam ein Aufsteckblitz nicht in Frage. Mein Anliegen ist, so zu blitzen, dass man es nicht sieht. Das heißt dann auch, das Tageslicht gegebenenfalls abzuschatten. Oft arbeite ich aber nur mit Aufhellern.

Wie haben die Leute auf den Aufwand mit ‚hier Abschatten, dort Aufhellen’ reagiert?

Na ja, es war ohnehin eine bewusste Porträtsituation. Und das geht ja alles schnell. Je routinierter man ist, desto besser. So rückt die Technik nicht in den Vordergrund.

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Und welche praktischen Probleme gab es unterwegs zu lösen?

Ich habe eine Blitzanlage, die selbsttätig checkt, welche Netzspannung vorhanden ist. Aber die Steckdosen waren immer unterschiedlich! Ich hatte schon alle Adapter der Welt organisiert, musste dann aber doch vor Ort nach speziellen chinesischen Adaptern suchen oder mit Gafferband improvisieren.
Ein Hauptproblem ist immer das Gewicht der Ausrüstung, ein anderes die Hitze und die Feuchtigkeit. Wenn man aus einem Auto oder Hotel mit Klimaanlage kommt, muss man ewig warten, bis das Objektiv nicht mehr beschlägt. Wir hatten im Auto die Klimaanlage nur auf geringer Stufe laufen, dann geht es.

Sie mussten ja unbedingt während des Monsuns hin!

Ich bin zur Monsunzeit gefahren, um verschiedene Jahreszeiten zu erleben. Das Land ist dann manchmal überschwemmt, man kommt nicht weiter, und wir sind auch hüfttief durchs Wasser gewatet.

Das stelle ich mir heikel vor mit der Ausrüstung. Wie viele Kameras hatten Sie denn dabei?

Nur einen Body, weil ich mit der Canon Eos-1Ds Mark III arbeite. Dazu dann ausschließlich lichtstarke Festbrennweiten.

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Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Autor von „The Power of Dignity“, Peter Spiegel? Sind sie gemeinsam gereist?

Nein. Kennen gelernt habe ich Peter Spiegel, ebenso wie Professor Yunus bei einer Delegationsreise, zu der ich Hans Reitz begleiten konnte. Für die Angaben zu den fotografierten Menschen hatte ich eine redaktionelle Mitarbeiterin, die die Menschen interviewt hat.Die persönliche Geschichte der Poträtierten war für mich ein ganz zentraler Bestandteil des Buchkonzeptes.

Wie schwer es war, die Bildauswahl aus der Fülle an wunderbaren Motiven zu treffen, weiß ich, denn wir haben eine Zusammenstellung gemeinsam erarbeitet. Da wussten wir aber noch nicht, wie viel Raum der Text einnehmen würde. Als Fotograf ist Ihnen das Buch zu textlastig geworden, oder?

Am Monitor sah es gar nicht so aus, weil der Text transparent erschien. Als ich es gedruckt sah, war ich zunächst etwas erschrocken.

Wissen Sie schon, wo Sie in diesem Jahr „im Urlaub“ fotografieren werden?

Der Andheri-Hilfe habe ich versprochen, ein Projekt zu fotografieren, das ich hier noch nicht benennen möchte. Und der Gründer von Cap Anamur, Rupert Neudeck, den ich einmal ins Erdbebengebiet nach Pakistan begleiten durfte, bat mich, noch einmal für seine jetzige Organisation „Grünhelme“ zu arbeiten.

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