Speed-Dating für Fotografen

am Samstag auf der Buchmesse

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Charakteristisch für die Buchmesse an den Publikumstagen ist nicht nur das unwürdige Gedränge in den Hallen, sondern vor allem die Anwesenheit zahlreicher Manga- und Anime-Helden beziehungsweise deren Fans in Verkleidung. Hier posiert „Trinity Blood“ und unten „Cain“ ganz nah, damit die farbigen Kontaktlinsen zur Geltung kommen.

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Ein ganz anderes, und erstmaliges Spektakel auf der Buchmesse war der Gourmet-Bereich in Halle 5. Fotografen, die im Food-Sektor arbeiten, fanden dort eine Übersicht über internationale Buchproduktionen. Interessant ist zum Beispiel die Molekularküche, die durchaus neue Herausforderungen an die  fotografische Umsetzung mit sich bringt.

molekularDoppelseite aus dem Bestseller „Molekularküche“ von Thomas Vilgis im Tre Torri Verlag, Wiesbaden.

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Wie man seine Defizite mit Selbstironie und TV-Unterstützung in Vorzüge verwandelt und zum Marketing-Musterbeispiel avanciert, führt Koch und Entertainer Horst Lichter vor. 30 Minuten vor Beginn war die Showküche in Halle 5 von Fans umlagert und alle Sitzplätze belegt.

Der große Buchmessen-Nachwuchsfotografen-Event fand statt, wo sich am Tag vorher noch die Bildagenturen präsentiert hatten, im neu geschaffenen „Zentrum Bild“ in Halle 4.1.

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Von Professoren und Ute Noll handverlesene Fotografen sollten geladenen Gästen ihre Arbeiten präsentieren. Das hat insofern nicht geklappt, als die Verlagsvertreter nicht, oder zumindest nicht in ausreichender Gesamtzahl erschienen. So durfte jeder mal blättern und sich ein Urteil bilden über die Qualifikation der Absolventen an deutschen Hochschulen. Da immer nur einer gucken konnte, und die Fotografen Ellenbogen an Ellenbogen aufgereiht saßen, konnte ich viele, aber nicht alle Arbeiten ansehen, sondern bin in einer Art Springprozession von einem freien zum nächsten freien Platz gehüpft.

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Zum Beispiel zu Britta Isenrath, die in Bremen beim abwesenden Prof. Bialobrzeski studiert, und eine ganz schöne Reihe mit Spermüll dabei hatte, oder man muss wohl korrekter sagen: von auf dem Gehweg gestapelten Hausrat, nachts fotografiert mit „Wanderlicht“-Beleuchtung unter dem Titel „Abfuhr“.

Joel Mica Miller zeigte drei Serien in einem Portfolio und hatte je eine Postkarte jeder Serie zum Mitnehmen dabei. Da weiß man dann, da hat jemand verstanden, wie nicht nur das hier, sondern die Branche funktioniert, und hat auch noch drei zwar unterschiedliche, professionell fotografierte Projekte auf dem Tisch – der muss sich keine Sorgen um die Zukunft machen.

Richtig gut gefielen mir die Arbeiten von Hanna Witte im Foto rechts. Sie kann eine Bildidee inszenieren, sie hat, was vielen so offensichtlich abgeht, nämlich eine echte Begeisterung für das, was sie macht, und das sieht man den Fotos an. Sie scheint auch häufiger zu fotografieren als andere, konnte entsprechend mehr als eine Serie zeigen. Da drückt man Daumen, dass sie ihre Chance bekommt und ergreift.

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Speziell nach der Durchsicht der Abschlussarbeiten und Portfolios verstärkt sich der Eindruck, dass es immer einige geben wird, die es schaffen werden, doch die meisten ohne spannende Projekte und ohne taugliches Portfolio die Hochschule verlassen. Dass sie einen Beruf ergreifen wollen, in dem sie in erster Linie als Dienstleister tätig sind, und welche Konsequenzen das hat, scheint ihnen niemand zu erklären. Immerhin, auch das muss man sagen, hatten die meisten Visitenkarten und Postkarten dabei. Natürlich ist es mühsam und lästig, irgendwelchen Fremden im Fünfminuten-Abstand das ausgelegte Projekt zu erklären. Aber auch eine tolle Chance.

Organisatorin für das Speed-Dating der Fotografen war Ute Noll, umtriebige Ex-Bildredakteurin bei der Frankfurter Rundschau mit guten Kontakten in Frankfurt und Wohnsitz in Stuttgart. Und auch, wenn das hier kein Street-Style-Modeblog ist, muss doch mal erwähnt werden, dass Frau Noll die Strumpfhose passend zur Handtasche in ihrer Corporate Design-Farbe wählte:

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Traditionell sind in der Halle 4.1 auf der Buchmesse schon immer Hochschulen mit Diplomarbeiten an ganz „normalen“ Ständen vertreten, wenn auch dieses Jahr nicht so viele wie sonst. Und auch, wenn ich finde, dass zu viele Fotostudenten für ihre Diplomarbeit nach Peking, Shanghai, Ulan Bator oder Minsk reisen, hier ein Foto vom Stand der Dortmunder, die schlau genug waren, sich die Domain buchmesse09.de zu reservieren! Im Vordergrund die lobenswerte Diplomarbeit über junge Menschen in der Mongolei von Maurice Kohl. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Projekt über die A40 von Sebastian Mölleken;  etwas zu sehr entsättigt, aber sonst gelungen. (Die Abgebildeten sind nicht die genannten Fotografen, sondern die Standbesatzung.)

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Eine ganz andere Art von Foto-Speed-Dating gab es in der Halle 8, wo traditionell die englischsprachigen Verlage sind. Ein Plätzchen hatte dort das „Gute Aussichten-Fotostudio“ ergattert, in dem sich Messebesucher fotografieren lassen konnten. Und, man glaubt es nicht, auf einen Zettel musste jeder ein Wort schreiben und in die Kamera halten. Oh je. Schon tausendmal gemacht und so was von altbacken! Keine eigenen Ideen? Schade. Dann: Schlechte Aussichten.

aussichten_2Fotografiert wird hier Sabine Schulz aus der Nachrichtenredaktion des ZDF mit dem Wort „Hoffnung“.

Eine große, und jedes Jahr von neuem auffällige Koje hat die in Neuseeland lebende australische Fotografin Anne Geddes, die ihre Produkte in 50 Ländern vertreibt.

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Erfolg ist eben nicht nur schön, sondern auch beängstigend. Trotzdem: Allen Fotografen, die ihre Arbeiten auf der Buchmesse zeigten: Viel Erfolg!

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