Stefan Bausewein: Würzburg

„Augmented Reality“ ist der Begriff, den wir alle gerade neu buchstabieren lernen. Die „erweiterte Realität“ schlägt uns aus Fotomagazinen ebenso entgegen wie aus Shoppingseiten. Nicht kommerzielle Anwendungen gibt es ebenfalls, und die sind zum Teil durchaus spannend. So hat das Museum of London eine App herausgegeben, die beim Spaziergang durch die Stadt historische Bilder via Smartphone in die Realität einblendet. (Da die Site des Museums nicht gut funktioniert, lieber die Beispiele bei Petapixel ansehen.)

Stefan Bausewein hat im Sommer seine Bachelorarbeit „Fiktionen nach dem Krieg“ abgeschlossen. Da war von „Augmented Reality“ noch nicht flächendeckend die Rede, gleichwohl hat er, was für ihn spricht, eine Entwicklung erspürt und auf seine Weise umgesetzt.  „Meine Arbeit  „Fiktionen nach dem Krieg“ beschäftigt sich mit der Zeit danach, wenn sich Rauch und Militär verzogen haben und der Alltag in die geschundene Stadt zurückkehrt. Unsere Geschichte erfahrbar zu machen und Historisches fotografisch mit dem Jetzt zu verbinden sind zentrale Aspekte der Aufnahmen. Hintergrund der Aufnahmen ist die Zerstörung Würzburgs am 16.03.1945.“

Stefan Bausewein schreibt weiter: „Zu Beginn des Projekts dachte ich, ich müsse inszenieren, um Bildinhalte zu generieren und den Fotos eine Aussage zu geben. Schnell wurde aber klar, dass romantisierende Elemente, wie z.B. ein spielendes Kind vor einem zerstörten Haus, zu banal und bekannt wirken. Beim Fotografieren der Motive merkte ich schnell, dass die ganz normalen Passanten und Touristen die Stadt ja schon von sich aus beleben, den Ort charakterisieren und so ganz ungezwungen Bildinhalte schaffen. Die Protagonisten sind zwar selektiert und aus mehreren Aufnahmen in die Bilder eingefügt, jedoch waren sie alle innerhalb eines gewissen Zeitraums an diesem Ort. Dieser kleine Zeitraum beschreibt jedoch sehr treffend die Stadt und ihre Bewohner und gibt einen fast zufälligen Querschnitt durch unsere Gesellschaft.

Man sieht keine inhaltlich aufgeladene Inszenierung, sondern entdeckt Bekanntes, vielleicht sogar seinen eigenen Alltag wieder. Es hetzen Passanten mit dem Handy am Ohr durchs Bild, Pärchen schlendern mit einem Kaffee in der Hand durch die Innenstadt oder Touristen knipsen Erinnerungsfotos vor den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ich denke, das erleichtert den Einstieg in die Bilder und damit auch in die ernste Thematik.“

Fiktionen nach dem Krieg:  Bachelorarbeit Kommunikationsdesign von Stefan Bausewein; Sommersemester 2012; Erstprüfer: Prof. Dieter Leistner; Zweitprüfer: Dr. Ivo Kranzfelder; Hochschule für angewandte Wissenschaften; Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt; Fakultät Gestaltung

1 Kommentare

  1. Nicht übel. Ich muss sagen, ich bin mehr als beeindruckt und erst recht gespannt, was uns da in den nächsten Jahren für „Realities“ ins Haus stehen. Die grösste Schwierigkeit wird wahrschinlich in ein paar Jahren für Historiker sein, Fotos noch als Zeitdokumente einzuordnen.

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