Woran erkennt man einen guten Werbefotografen?

Mit „gut“ meine ich – ausnahmsweise – speziell die handwerklich-technischen Fähigkeiten und zwar im kommerziellen Bereich, also dort, wo Fotos geplant und mit bisweilen großem Team inszeniert werden und die Fotografen vierstellige Tagessätze berechnen. In den so genannten Hochglanzmagazinen wie in Anzeigen sehe ich in letzter Zeit vermehrt Aufnahmen, die handwerklich unter aller Würde sind. Und damit meine ich nicht einen „Mood“ oder „Style“, sondern Lichtformer in Brillengläsern oder hartes Seitenlicht, das zu hässlichen Nasenschatten führt. Bei kommerziellen Porträts sind Nasenschatten für mich inakzeptabel. Ich denke dann: Wer so etwas abliefert, versteht sein Handwerk nicht. Aber Repräsentanten wie Artdirektoren, also jene, die wirklich etwas zu entscheiden haben, scheinen nichts dabei zu finden.

Mein Punkt ist: Wenn wir unwidersprochen akzeptieren, dass die handwerklichen Standards nicht mehr gelten, werden immer mehr Dilettanten zu noch niedrigeren Honoraren um die Jobs konkurrieren. Wer nicht möchte, dass das Niveau vollständig den Bach herunter geht, muss seinen Kunden behutsam den Unterschied erklären!

Was ist ein absolutes No-go bei kommerziellen Fotos? Oder anders herum: Woran erkennt ein Auftraggeber, ob der Fotograf sein Handwerk versteht? Gibt es ein Merkmal, das besonders aussagekräftig ist? Ich bin gespannt!

15 Kommentare

  1. Das erinnert mich an die schrecklichen Plakate von Esprit die gerade überall hängen.

    Möglicherweise ist es ja Kunst, aber ich finde „Waschbäraugen“ und harte Schatten überall einfach nur gräßlich.

  2. Ein absolutes No-Go bei kommerziellen Fotos ist ein Fotograf, der kein Licht setzen kann. Ich sehe immer wieder exorbitant überteuerte Kollegen die die Zwischenseiten eines Schmuck- und Uhren Kataloges besetzen dürfen und deren Bilder in der Nachbearbeitung das Dreifache an Zeit und Kosten verursachen. Aber Hauptsache, er hat einen langen Schal und schmeisst die geilen Parties.
    Einen guten Kunden, der seine Fotografen nach Können aussucht, erkennt man daran, dass der verantwortliche Mitvierziger nicht herumläuft wie die Schulabgänger von heute in Röhrenjeans und Fönfrisur, und nebenbei seine Frau mit einer 18 Jährigen betrügt. Zu gewagt?

  3. Tscha, woran erkennt die Hausfrau im Supermarkt, ob der Avocadokern schimmelt?

    Echt schwer zu beantworten. Als (hin und wieder mal, weil in einer Werbeagentur arbeitend) Auftraggeber gehe ich oftmals nach den Referenzen. In der Hoffnung, dass sie alle „selbst geschossen“ sind, lässt sich daran manchmal ein guter Handwerker erkennen. Vor allem dann, wenn in verschiedenen Bereichen immer gleich gute Ergebnisse abgeliefert wurden.

    Im Gespräch lässt sich hin und wieder auch erkennen, ob ein Fotograf die Aufgabe versteht und mitdenkt. Und wie oft er so etwas schon mal gemacht hat.

    Ansonsten isses wie mit der Avocado: kaufen und bei schlechtem Ergebnis den Supermarkt wechseln.

  4. Bei einer musikalischen Master class unter Auspicien von herr T. Struth, sagte der Meister zu seinen Schülern:

    Intuition ist wenn man Herz und Gehirn zusammenschliest. Das herz lebt von Cliches das Gehirn verleiht die sache grösse und einfalsreichtum.

    Ein guter Fotograf kan also die Cliches der er in sein herz trägt umzetsen in Orginalität durch den einsats seines Groshirns. Das heist Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Das heist er weis genau welche Grenzen an seiner gestalterische Freiheit gestelt sind und wie er die erfolgreich überschreiten kan. Er fotografiert nicht vom Bauch raus sonders von Bauch raus durch einem Filter aus dem Gehirn, und das sieht man eben. Das unterscheidet den Dilettant der durchaus in der Lage ist vereinzelt ein brilliantes Foto zu schiesen und den Professionelen Fotografen der gleiche Qualität wie am Schnurschen liefern kan.

    Grüsse, Ed

  5. Schwierige Sache, denn was der eine als handwerklichen Schrott ansieht, könnte ja beim Artdirektor gerade „voll angesagt“ sein.

    Der Geschmack der Zeit und vor allem des Zielpublikums ändert sich, und was da für Hässlichkeiten das absolute „must have“ sind hat mich schon öfter geschockt.

  6. Yves Hoffman

    Was ist ein gutes Foto? Das Foto das berührt. Fertig.

    Alles andere sind Regeln die es im Grunde nicht gibt. Im Sinne des klassischen Rembrandt-Lichtes ist gerade der Nasenschatten sinnstiftend im Sinne einer dramtiesierd überwiegend männlich markanten Darstellung, wobei das auch bestens bei der Frau funktioniert. Finde ich. Nicht selten verschwindet gar die gesamte Hälfte des Gesichtes im Dunkel. Ich persönlich mag das.

    Die wesentliche Frage – und ich scheiden sich die handwerklichen oder freikünstlerischen Geister – ist doch was will ich mit Werbung/Werbefotographie: Emotionalisieren oder informieren?

    Im Sinne der Information ist eine gleichmässige Ausleuchtung naturgemässig sehr wichtig. Aber das suche persönlich in einem Produktkatalog.

    Conclusio: Es kommt darauf. Wie so oft im Leben.

    Beste Grüsse

    Yves Hoffman

    (passionierter Hobbyfotograph)

  7. „Das Foto berührt. Fertig.“

    Fast einverstanden. Das Foto berührt (oder informiert, das hattest du weiter unten richtigerweise noch ergänzt) die Zielgruppe. Ein Foto, das alle Menschen gleichermaßen berührt, ist in den seltensten Fällen ein gutes Werbemotiv.

    Ein Freund von mir macht regelmäßig richtig gute Detailaufnahmen von Hochleistungstraktoren für die Landwirtschaft. Ingenieuren und Bauern, die in den abgebildeten „Informationen“ die Exzellenz/Größe des Produkts erkennen können, geht dabei total einer ab. Einen Umweltaktivisten werden die Bilder vielleicht auch „berühren“, aber auf ganz andere, unerwünschte Weise. Und wieder andere finden die Bilder langweilig, weil sie sie mit nichts verbinden. Aber das ist nicht schlimm, denn der Werbefotograf hat sein Ziel erreicht.

  8. Werbefotografen sind so etwas die Studiomusiker unter den Knipsern.
    Sie beherrschen ihr Instrument perfekt und können jeden Job vom Blatt spielen – zumindest sollten sie das.

    Gute Studiomucker sind vielseitig, auch wenn sie häufig immer für das gleiche gebucht werden. Sie spielen nicht nur präzise und reproduzierbar die Partitur runter, sondern sie bringen mit den richtigen Klangfarben genau die Emotionen zum klingen, die zur Stilrichtung und zum Thema passen.

    Gebucht werden sie da, wo man sich keine Experimente leisten will, wo es nicht um einen Euro mehr oder weniger geht, sonder darum, dass es klappt – und zwar flott, weil Studiozeit Geld kostet, weil die Stars keine Zeit haben und weil man konsistente Arbeit erwarten kann.

  9. Oh je – ein Nasenschatten, bedingt durch hartes Licht! Wie schrecklich! Bei der Dietrich fanden die Schatten alle cool, aber das war ja schließlich auch vor der weichspülerischen Wirkung der Microstock-Ästhetik. Offensichtlich scheint sich diese nun in manchen Köpfen als „gutes Handwerk“ zu verankern. Gut zu wissen, denn dann wird es höchste Zeit, einen noch ausgeprägteren Gegenpol zu setzen.

    Die Schlagschatten von Esprit finde ich persönlich z.B. gut, weil sie dem weißen Hintergrund das völlig Nüchterne nehmen und trotzdem in ihrer Farblosigkeit keine Konkurrenz zu den Farben der Kleidung darstellen. Sie deuten Tiefe an, wo eigentlich keine ist, zeigen Umgebung, die auf dem Foto schlicht nicht existiert. Nur: Esprit ist völlig kommerziell ausgelegt – wenn die schon solch Stilelemente nutzen, ist es schon nicht mehr Trend (in der italienischen VOGUE war vor Jahren übrigens mal ein Editorial abgedruckt, das ähnlich mit Schatten arbeitete).

    Aber, hört ruhig auf Frau Doktor und verzichtet auf hartes Licht und, dementsprechend, harte Schatten. Ich werd’s nicht tun, so wie schon seit 5 Jahren. Aber ich bin auch komisch, weil ich Terry Richardson’s Bilder manchmal gut finde. Und die von LaChapelle, der häufig sogar ohne Schatten auskommt (scheint kein Qualitätsargument zu sein, zumindest nicht für mich). Und Guy Bourdin, der schon Schatten produziert hat, als fast alle anderen sich noch von dem Streetstyle eines Bob Richardson erholen mussten.

    Steven Meisel ist auch nett, manchmal zumindest – aber den findet Frau Doktor bestimmt auch nicht gut, weil er so zimelich alles anders macht als es von ihr gepredigt wird. Von wegen „ein Stil“ und so. Is‘ klar. Der Vogel hat ja noch nichtmals eine Internetseite…

    Als ob sich eine Tagesgage daraus ableitet, ob der Assi in der Lage ist, den Briese-Schirm aufzuspannen (kein Schatten im Gesicht) oder eben nur den Reflektor auf’s Bajonett drehen kann (Warnung: Schatten!). Was soll daran Handwerk sein, noch dazu gekonntes Handwerk? ich denke kaum, daß man die Qualitäten eines Fotografen daran ausmachen kann, ob er einen Schirm oder einen Reflektor benutzt.

    Halten wir also fest: Schlagschatten sind das Ergebnis minderbemittelter Fotografen. Direkt geblitzte Gesichter (Richardson, Goldin, Bourdin, Teller…) sind aber auch nicht gut, weil: das kann ja auch jeder, Licht von vorne.

    Ok, was bleibt? Die Softbox im 45-Grad-Winkel von rechts oben, der Aufheller von links, ein wenig Haarlicht von schräg hinten und – zur Sicherheit – noch ’ne Styroporplatte unter’s Kinn gehalten, fertig ist die sehr originelle, meisterhaft anmutende Portraitaufnahme, ganz ohne harten Schlagschatten und wahrscheinlich auch ohne Lichtreflex in der Brille. Bravo. Gibt’s bei iStock für ’nen $.

    • Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Weil hier unterstellt wird, was gegen (Schlag-)Schatten zu haben: Habe ich nicht. Nur was gegen schwarze Dreiecke neben Nasen in ansonsten knallhart ausgeleuchteten Gesichtern. Ich habe mal ein Magazin entwickelt, das Schwarzweiss heißt. Kontraste, auch harte, sind ein klassisches Stilmittel. Ich vermisse eher öfter einmal Tiefe in Farbfotos und „predige“ sicher keine schattenlose Ausleuchtung. Vieles ist eine Geschmacksfrage. Mein Punkt ist bei dem Ganzen, das „Alles geht“ in Frage zu stellen. Darauf werde ich noch in weiteren Beiträgen zurückkommen.
      Und: „ein Stil“ – von mir aus auch drei, Hauptsache kein Einheitsbrei. Sowie: Berühmte Fotografen haben selten eigene Websites. Brauchen die auch nicht. Alle, die noch berühmt werden wollen, eher schon. Sowie einen Stil – oder öfter mal einen neuen, irgendwas Individuelles jedenfalls. Gerne auch mit Schatten, die Sinn machen.

  10. Hi,

    „Lichtformer in Brillengläsern“ und primitive Nasenschatten gehen wirklich nicht – es sei denn, ja es sei denn, sie sind glaubwürdig. Der Lichtformer verkleidet sich als Fenster, der Schatten ist Drama pur. Dann geht eben doch wieder alles.

    Maßstab ist bei mir die Glaubwürdigkeit der Emotion. Wenn man die handwerklichen Mittel, die ein Fotograf verwendet hat, mit dem sezierenden Blick zwar erkennt, mit dem fühlenden Blick aber einfach nur das emotionale Ergebnis aufnimmt: dann hat der Fotograf gut gearbeitet.

    Wenn man die technischen Mittel gar nicht erkennt, dafür das Ergebnis, das Produkt oder die Emotion einfach cool findet: noch besser.

    Phantastische Ergebnisse kann der kundige Fotograf mit einem Lastwagen voller Licht erzeugen, oder auch nur mit einer Taschenlampe. Beides kann man aber auch so stümperhaft einsetzen, dass das Mindestlevel nicht erreicht wird.

    Doch wie immer: der Markt entscheidet, die Agentur beauftragt, der Kunde nimmt ab, der Fotograf versucht sein Bestes. Der Teich ist groß, und viele merkwürdige Lebensformen treiben sich dort herum.

    Oder gibt es etwa auch Fotografen, die keine Laust auf ihren Job haben?

    VG
    Christian

  11. Es ist doch vollkommen Egal ob Nasenschatten oder Lichtformer irgendwo zu sehen sind. Zum Glück darf jeder Kunde entscheiden was er will und jeder Fotograf so Fotografieren wie er will (sofern der Kunde Ihm das für seine Bilder natürlich erlaubt).

    Für mich zeichnet einen Fotograf der etwas kann aus ob er das Bild erzeugt das er vor Augen hat. Ob dies über 3 Tage Retusche entsteht oder 12 Neonröhren gemischt mit 3 Blitzköpfen und einem HMI ist doch wirklich egal. Das Ergebnis zählt.

    Was aber wiederum einen langweiligen Fotografen auszeichnet ist die mangelnde Fähigkeit mal etwas anderes zu machen.

  12. @Dr. Mettner: danke für die erläuternden Worte, dann habe ich den folgenden Satz aus dem Blogbeitrag falsch aufgefaßt: „Bei kommerziellen Porträts sind Nasenschatten für mich inakzeptabel.“. Es ist andererseits tatsächlich eher schwierig, hartes und die Gesichtszüge betonendes Licht zu nutzen, dies aber so einzusetzen, daß die Nase eben keinen Schatten wirft. Egal, ob seitlich oder unten. Man könnte das Licht selbst von unten einsetzen, dann wirft die Nase kaum noch Schatten – und damit sind wir bei Murnau’s Nosferatu und dürfte u.U. dem Auftraggeber nicht ganz so gut gefallen. Hartes Portrait-Licht ohne Nasenschatten ist – außer absolut frontal – physikalisch unmöglich.

    Einigen wir uns darauf, daß Schatten dort, wo sie Sinn machen, auch sein dürfen?! Natürlich ist es schwierig, auf Basis des Beitrags eine Bewertung der handwerklichen Qualität eines Bildes vorzunehmen, es wird ja leider nicht gezeigt.

    Aber deshalb sind Schatten nicht zu verteufeln, ganz im Gegenteil :-)

    Und zum „alles geht“: nun ja, die Bandbreite der (erfolgreichen) Fotografen ist sehr groß. Vom kitschig-butterweich eines Hamilton bis hin zur Knipsästhetik von Richardson und Teller, es scheint in der Tat so, daß alles geht. Ich finde, daß man es akzeptieren sollte. Wenn ich ein Magazin durchblätter‘, denke ich mir bei 80% der Bilder auch: „das hätte ich auch so hingekriegt“. Ok, und? Mich hat keiner gefragt, es besser zu machen – also war ein anderer Fotograf zumindest geschickter bei der Selbstvermarktung (in der Tat eine große Aufgabe, an der ich arbeiten muß!). Da interessiert es auch nicht, daß da draußen tausende Fotografen sitzen, die es besser hätten machen können, sich aber beim Slebstmarketing deutlich dämlicher angestellt haben.

  13. Hallo.

    Einen guten Werbefotografen erkennt man wohl am ehesten an zwei Aspekten: seinen zufriedenen Kunden und seinem wirtschaftlichen Erfolg.

    Wenn mit technisch minderwertigem, „dahingepfuschten“ Material ein Kunde zufriedengestellt wird, ist im Sinne der Effizienz das Maximum erreicht. Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Wenn andere, foto-kundige Betrachter wie Sie solch ein Bild bemängeln (inhaltlich sicherlich zu Recht), braucht es den Fotografen nicht zu interessieren, er hat es dann schon verkaufen können.

    Ob sich dies mit dem Selbstverständnis eines Fotografen verträgt oder nicht, ist eine höchst individuelle Entscheidung, und – ebenso wie das Urteil Dritter – zwangsweise subjektiv.

    Viele Grüße, und vielen Dank für die immer wieder anregenden Beiträge an dieser Stelle

    Mattes

  14. Lars Ternes

    Hallo Frau Mettner,
    ein guter Werbefotograf hat eine(n) guten Repräsentanten…
    der Ihn gut vermarktet und das verrückte Theater der Werbeagenturen gerne mitspielt! Technisch gibt es wirklich wenig Gute in Deutschland… die sich von Lichtgestaltungsmodewellen nicht beeinflussen lassen und gezielt ihr eigenes Licht perfektionieren ein Könner dieses Metiers ist Niko Schmid-Burgk aus München (Blitzlicht gezielt einsetzen um Kontraste und Konturen zu herausarbeiten)samt seiner Königin der Repräsentanten Helga Schierke.. die Hektik und der Anspruch der Kunden Massen an Motiven in einen Shootingtag zu stopfen verhindert natürlich auch genaues arbeiten! Beste Grüsse Lars Ternes

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